Pfingst-Sonntag 2019

Predigt 09.06.2019 – Text: Joh 14,23-27 

Liebe Gemeinde!
Wer ist der Heilige Geist?
Ernst Haeckel spottete in seinem Buch „Welträtsel“ (1899) und bezeichnete Gott als „gasförmiges Wirbeltier“. Also Gott, der keinen Körper hat – so könnte man den Heiligen Geist verstehen. Oder:
„Der Heilige Geist – die Ursache für ein paar freie Tage“ – meinen andere. „Ein heiliges Gespenst“ – so übersetzte ein Konfirmand das Wort „Heiliger Geist“.
Ein Theologe sagte einmal: „Der Heilige Geist ist der vergessene Teil des Evangeliums.“ Da kommen wir der Sache schon näher. Tatsächlich ist das so. Wir wissen nicht mehr sehr viel über den Heiligen Geist zu sagen. In der frühen Kirche war das anders. Da lebte man in der Gegenwart des Heiligen Geistes und aus der Kraft des Heiligen Geistes. Hat die Misere in der Kirche etwas mit der Abwesenheit des Heiligen Geistes zu tun?
Man muss sich das vergegenwärtigen! In der kurzen Zeit zwischen dem Karfreitag und Ostern und Himmelfahrt waren
die Jünger radikalen Gefühls- und Verstehens-Umschwüngen ausgesetzt. Innerhalb von drei Tage und noch einmal nach 40 Tagen wird alles anders. Wie würde es uns ergehen, wenn innerhalb von 6 Wochen, die Welt, das Leben und Gott mehrmals radikal in Frage gestellt würde?
Nach dem Karfreitag hatten sich die geflohenen Jünger Jesu aus Angst verschanzt. Sie hatten Angst, dass es ihnen ebenso erging wie Jesus – Verschmäht und verachtet werden, ungerecht behandelt werden – Kreuzigung. Vorsicht und Angst bestimmte ihr Leben.
Dann aber hatten sie den Auferstandenen erlebt. Er war wieder da – mitten unter ihnen. Jesus lebt – er hat den Tod überwunden.
Und das bedeutete für die Jünger eine ganz neue Weltsicht. Der Tod ist nicht mehr das Letzte. Nichts ist stärker als Jesus. Das hatte ja auch für ihr Leben eine Bedeutung.
Und dann war Jesus nicht mehr da. Weg für immer. Heimgekehrt zum Vater. Wie kann man dann in der Auferstehungsfreude bleiben? Wie kann ein Leben in der Hoffnung gelebt werden? Wie kann aus Hass Liebe, aus Angst Freude, aus Zweifel Glaube werden?
Hören wir was Jesus über den Heiligen Geist sagt. Joh 14,22-27
22 Spricht zu ihm Judas, nicht der Iskariot: Herr, was bedeutet es, dass du dich uns offenbaren willst und nicht der Welt?
23 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen.
24 Wer aber mich nicht liebt, der hält meine Worte nicht. Und das Wort, das ihr hört, ist nicht mein Wort, sondern das des Vaters, der mich gesandt hat.
25 Das habe ich zu euch geredet, solange ich bei euch gewesen bin.
26 Aber der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.
27 Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.
Mit meinen Worten will ich drei Dinge benennen, die Jesus über den Heiligen Geist sagt:
1. Er ist der Architekt des neuen Lebens
2. Er ist der Exeget, der Ausleger der Worte Jesu
3. Er ist der Anwalt in bedrängter Zeit

Zum 1. Der Heilige Geist ist der Architekt des neuen Lebens

Jesus sagt: „Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen.“
Der Jünger und Evangelist Johannes hat so eine kreisende Art zu denken und zu schreiben, zu lieben und zu loben. Seine Gedanken kreisen wie ein Adler in der Luft. Sie gehen von einem Thema und Bild zum anderen und beginnen wieder von neuem auf einer anderen Ebene. Wohl deshalb hat die alte Kirche ihn mit dem Symbol des Adlers versehen.
Verfolgen wir also seine Gedanken. Was hat er an Jesus beobachtet und gehört? „Wer mich liebt“ – sagt Jesus. Da beginnt es – mit der Liebe zu Jesus. Hier an dieser Stelle steigt man am besten in diesen Zug – in diese Bewegung ein.
Was löst die Liebe zu Jesus aus? – Jesus sagt: „Der wird mein Wort halten.“ Aus Liebe zu Jesus wagen wir das zu tun, was Gott uns in seinem Wort sagt, vorschlägt, manchmal auch zumutet. Nicht aus Angst begegnen wir dem Wort Gottes. Nicht ein Kadavergehorsam bindet uns an das Wort Gottes – Es ist die Liebe zu Jesus.
Was geschieht, wenn wir aus Liebe zu Jesus das Wort Gottes wagen, es ausprobieren, beginnen es zu leben? Jesus sagt: „Der Vater – also Gott – wird ihn lieben?“ Plötzlich weiß man: Ich bin Gottes geliebtes Kind. Ich bin Kind – Sein Kind – nicht Sklave, nicht Fremder, nicht Knecht – sein Kind! Und der Vater liebt mich. Haben wir diese Gewissheit?
Was geschieht noch? Hier sagt Jesus etwas ganz wunderbares: „Wir werden kommen und Wohnung bei ihm nehmen.“ Jesus, der Vater, der Heilige Geist – der dreieine Gott kommt in mein Leben und nimmt Wohnung in mir. Wir bekommen Besuch!
Gott bleibt nicht auf Distanz.
Wenn Gott zu uns kommt – wenn Gott Wohnung bei mir nimmt – dann bedeutet das: Er beginnt sich in meinem Leben einzurichten.
Er will ja bleiben – Wohnung nehmen. Das Wort für wohnen (monä) im Griechischen bedeutet: eine Bleibe haben. Gott will bei mir / dir eine Bleibe haben. Gestatten wir IHM das?
Ist es nicht ein Vorrecht, den Schöpfer Himmels und der Erden, den König und Herrn der Welt bei uns zu haben? Wer sind wir, das Gott sich so für uns interessiert? Es ist doch ein ungeheures Vorrecht!
Wenn ER bleiben will, muss renoviert werden. Da muss vorgerichtet werden. Jeder, der von neuem geboren ist, erlebt das. Gott verändert unser Leben.
Am Anfang scheint das radikal und vielfältig zu sein. Da muss vieles aus dem alten Leben weichen. Als ich zum Glauben kam, da hat Gott einige Dinge grundlegend in meinem Leben geändert. Aber auch später bleibt das so – Er will bei uns bleiben und renoviert und verändert unser Leben. Jesus will
durch den Glauben in uns wohnen.
Und dazu tritt der Heilige Geist als Architekt auf. Er verändert unser Leben. Die Bibel beschreibt diesen Vorgang auch als Heiligung.
Das ist der Wille Gottes, eure Heiligung.“ 1.Thess 4,3

2. Der Heilige Geist ist der Exeget, der Ausleger der Worte Jesu

Aber der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an
alles erinnern, was ich euch gesagt habe.
Der Heilige Geist lehrt und erinnert uns. Der Heilige Geist lehrt – wie wichtig ist das. Der Heilige Geist erinnert – wie tröstlich ist das.
Geht es euch nicht auch so? In vielen Dingen weiß man gar nicht recht, was man denken und wie man sich entscheiden soll.
Der eine sagt das – und es klingt überzeugend. Der andere sagt genau das Gegenteil. Und wenn ich mich in seine Lage versetze,
denke ich, auch der hat Recht. Verwirrend sind die Stimmen und Meinungen in unserer Zeit.
Paulus sagt: „Denn es wird eine Zeit kommen, da sie die heilsame Lehre nicht ertragen werden; sondern nach ihren eigenen Gelüsten werden sie sich selbst Lehrer aufladen, nach denen ihnen die Ohren jucken.“ 2.Tim 4,3 In dieser Zeit leben wir.
Das heißt aber umso mehr: Wir brauchen den Heiligen Geist.
Der Heilige Geist gibt uns Courage auf das Wort Gottes zu achten und Mut zu haben das zu tun, was Jesus sagt. Der Heilige
Geist gibt den Schneid – bei dem Wort Gottes zu bleiben.
Und das steht fest: der Heilige Geist kennt sich besser im Wort Gottes aus, als jeder Theologe. Warum? Natürlich, weil der Heilige Geist Schöpfer dieses Wortes ist. „Denn alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung“ 2.Tim 3,16
theopneustos – Gott gehaucht – Gottes Hauch, Gottes Lebensodem ist in diesem Wort. Ja natürlich: die Bibel ist von Menschen geschrieben – aber: „Es ist noch nie eine Weissagung aus menschlichem Willen hervorgebracht worden, sondern getrieben von dem Heiligen Geist haben Menschen im Namen Gottes geredet.“ 2.Petr 1,21 Gott handelt durch Menschen.
Und Gott benutzt dieses Wort und seinen Geist nicht nur, um uns Erkenntnis der Wahrheit zu bringen – sondern um uns in den kleinen Dingen des Alltags zu führen.
Ich will es an einem kleinen Beispiel zeugnishaft verdeutlichen. Manche mögen das trivial finden – für mich ist es existenziell geworden. Ihr wisst, dass ich gern mit dem Auto schnell unterwegs bin.
Und ich habe mich selbst beobachtet und festgestellt, dass ich es schwer ertragen kann, wenn mich jemand von hinten bedrängt.
Also drücke ich aufs Gaspedal. Und manchmal merke ich, wie meine Frau neben mir auf die Bremse drückt. Aber auf ihrer Seite ist leider keine Bremse vorhanden.
Und da hat mich vor einiger Zeit der Heilige Geist an ein Wort aus der Bibel erinnert. Jes 9,3 „Der Stecken des Treibers zerbrochen.
Das gilt im Übrigen auch ganz allgemein. Wir sind in Jesus zu einer herrlichen Freiheit berufen. Nichts muss uns mehr treiben.
Aber das gilt nun für mich in dieser speziellen Situation.
Und immer, wenn mich der Heilige Geist in so einer Situation auf der Autobahn erinnert, hilft mir das. Du musst dich nicht treiben und jagen lassen. Jesus ist unser Friede. Das Wort Gottes und der Heilige Geist sind mir starke Helfer.
Also: der Heilige Geist lehrt und erinnert. Wie tröstlich ist das. Wenn man nach Hause geht und die Hälfte schon wieder vergessen hat – ärgern sich manche. Aber nein, sei doch entspannt. Der Heilige Geist wird dich in der entsprechenden Situation erinnern. Habt Vertrauen in den Heiligen Geist.

3. der Heilige Geist ist der Anwalt in bedrängter Zeit

Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.“ Jesus sprach diese Worte in den Abschiedsreden – d.h. Er hatte sein Leiden und Sterben noch vor sich. Und seinen Jüngern haben diese Worte geholfen, als sie in Verfolgung und Bedrängnis kamen. Und sie werden uns helfen, wenn wir in solche Situationen kommen.
Vor kurzer Zeit kam mir ein kleines Büchlein in die Hände: Von Festo Kivengere „Ich liebe Idi Amin“ Festo Kivengere – war Bischof in Uganda und einer der gesegneten und vollmächtigsten Evangelisten seiner Zeit – weltweit.
Idi Amin ist in der westlichen Welt bekanntgeworden durch die Ermordung des Erzbischofs Lanani Luwum. Am 16.2.1977 starb er mit zwei Ministern Idi Amins bei einem angeblichen Verkehrsunfall.
Idi Amin war einer der grausamsten Herrscher Afrikas. Er ließ 300.000 Menschen ermorden und führte Uganda in den Ruin. Er kam durch einen Militärputsch an die Macht. 1978 endete seine Tyrannei – 2003 starb er verlassen im Ausland.
Der Spiegel schrieb über ihn: Selbst in diesem „Klub der Schlächter“ der Nachkolonialgeschichte ragte Idi Amin noch heraus, als Inkarnation des Bösen, als Karikatur eines Diktators.
Keiner bediente rassistische Klischees vom schwarzen Mann so treffend wie dieser 1,93 Meter große, 120 Kilo schwere Koloss: körperlich stark, aber ungebildet, einfältig und heimtückisch, lustig und dabei ungeheuer blutrünstig – das war Idi Amin.
Seine Grausamkeiten entsetzten die Welt, die gleichzeitig ungläubig über seine Possen lachte. Kaum vorstellbar, dass jemand tatsächlich die Köpfe enthaupteter Gegner im Kühlschrank sammelt. Und wer lässt sich schon, wie vormals die Kolonialherren, in einer Sänfte zum Staatsempfang schleppen, mit weißen Männern als Träger?
Idi Amin ließ Minister den Krokodilen im Viktoriasee zum Fraß vorwerfen, Oppositionelle mit Hämmern erschlagen und demonstrierende Studenten mit MG-Salven niedermähen.
Ugandas anglikanischer Erzbischof Janani Luwum verschwand ebenso wie die jüdische Geisel Dora Bloch. Nach der Ermordung des Erzbischofs – konnte Festo Kivengere fliehen. Und er hatte auf der Flucht – in England angekommen – ein besonderes Gotteserlebnis, das der Heilige Geist ihm
vermittelte. Er schreibt in diesem Büchlein: „Friede kommt nicht von selbst. Er ist ein Geschenk der Gnade Gottes. Er kommt immer dann, wenn ein Herz sich der Liebe Christi öffnet. Dies aber hat seinen Preis, denn die Liebe Gottes bewies sich durch Leiden, und wer diese Liebe erlebt, kann sie
nicht ausleben, ohne diesen Preis zu zahlen.
Ich musste meine eigene Einstellung zu Präsident Amin und seinen Agenten prüfen. Der Heilige Geist zeigte mir, dass ich in meinem Inneren hart gegen sie wurde; wenn ich aber Unversöhnlichkeit und Bitterkeit gegen unsere Verfolger im Herzen trug, so musste das für mich und andere geistlichen Verlust bringen. Dann konnte ich die Liebe Gottes überhaupt nicht mehr weitergeben – und gerade sie ist der wesentliche
Inhalt meiner Botschaft und meines Dienstes.
So musste ich den Herrn um Vergebung bitten und um die Gnade, Präsident Amin mehr zu lieben; denn die vergangenen Ereignisse hatten mein Verhältnis zu diesem Menschen erschüttert.
Am Karfreitag saßen wir drei Stunden lang in einer Kirche in London zusammen und dachten über die erlösende Liebe Jesu Christi nach. Da gab er mir die Gewissheit der Vergebung und heilte meinen Schaden. Ich eilte heim, um Mera (seine Frau) zu erzählen, was geschehen war. Meine müde Seele hatte frische Luft zum Atmen bekommen. Ich hatte den Herrn gesehen und war frei geworden: Liebe erfüllte mein Herz.“
Und dann hat dieser Mann gewagt, was er in seinem Büchlein bezeugte. Ich liebe meinen Feind – Ich liebe Idi Amin.
Alle Welt hasste ihn und hatte Angst vor ihm. Und einer liebte ihn.
Der Heilige Geist ist unser Anwalt in bedrängter Zeit. Und es ist nicht immer so, dass er die Situationen gleich ändert. Zuerst verändert er uns. Und er gibt uns das, was wir aus uns heraus nicht können.
Keiner von uns hat die Gottes-Liebe. Aber der Heilige Geist will sie dir und mir schenken, damit – ja damit – wir sie in diese Welt bringen. So bekommen wir wirklichen Frieden.
Jesus betont, dass sein Friede eine andere Qualität hat, als der Friede der Welt. Wie gibt die Welt? Sie gibt nichts umsonst, sie gibt nicht aus Liebe, sie gibt ohne Machtbefugnis, deshalb bestenfalls beruhigend, beschwichtigend, beschönigend.
Die Welt kann faktisch keinen Frieden zusprechen, weil sie ihn nicht besitzt. Der Friede, den Jesus gibt, ist auch nicht gleichzusetzen mit „nicht Streit“, „nicht Krieg“ haben. Es ist der Friede, der Herzen mitten in einer Welt voller Unfrieden hält, umfängt und bewahrt sein lässt durch die Kraft seines Heiligen Geistes. 1 Wo der Heilige Geist arbeitet, breitet sich Friede aus – oft gerade da, wo das Gegenteil der Fall ist.
Die Jüngerinnen und Jünger Jesu haben den Geist nirgends nötiger als in bedrängter Zeit, in Zeiten der Verfolgung, des Leidens.
In den inneren Erschütterungen will Jesus durch den Heiligen Geist ein Befrieden des Herzens wirken. Da wo man bestürzt fragt: was geschieht jetzt mit mir, brauchen wir den Heiligen Geist Er bringt zur Ruhe, zum Frieden und schenkt Gewissheit und Geborgenheit.

Und der Friede Gottes, der größer und höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unseren Herrn.
Amen

1 Wolfgang Schuhmann in Zuversicht und Stärke April Mai 1991