Jubilate 2014

Jubilate 2014

Liebe Jubelkonfirmanden, liebe Gemeinde!
Wo befinden Sie sich gerade auf ihrer Lebensreise? So könnte ich uns jetzt fragen. Wir alle sind ja unterwegs – ob wir’s glauben oder nicht, ob wir wollen oder nicht – bzw. ob wir’s wahrhaben wollen oder eben nicht.
Dass sich alles in Veränderung und Bewegung befindet war schon eine Erkenntnis der alten Griechen. Panta rhei sagte einer ihrer Philosophen – d.h. „Alles fließt“. In der sogenannten Flusslehre formuliert Heraklit den Satz: „Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen.“ Es ist immer anderes Wasser, was uns da umspült. Das deutet aber auch daraufhin, dass mit uns selbst unmerklich eine Veränderung stattfand. Immer ist alles um uns herum in Bewegung und Veränderung. Auch wir selbst sind es.
Heute, zur Jubelkonfirmation, könnten wir dies an Jahreszahlen festmachen. 25 Jahre ist es bei den einen her, dass sie konfirmiert wurden – bei anderen sind es 50 Jahre, 60, 65, 70. Ja, wir haben heute sogar 75 und 80 jährige Konfirmanden unter uns. Schon diese Zahlen zeigen an, dass wir auf unserer Lebensreise einen zeitlichen Weg zurücklegen.
Aber diese Zahlen verweisen zugleich auf mehr. Jean Paul sagte: „Nur Reisen ist Leben, wie umgekehrt das Leben Reisen ist.“ Und von Kurt Tucholsky ist der Ausspruch überliefert. „Reisen ist Sehnsucht nach dem Leben.“ In seiner markanten Art hat es Wilhelm Busch so formuliert:
„Viel zu spät begreifen viele
die versäumten Lebensziele:
Freude, Schönheit der Natur,
Gesundheit, Reisen und Kultur.
Darum, Mensch, sei zeitig weise!
Höchste Zeit ist´s: Reise, reise!“
Also ist es uns angeraten, dass wir hier einmal näher hinschauen und uns mit unserer Lebensreise beschäftigen. Man gewinnt oft erste gute Einsichten, wenn man auf die Etymologen hört. Die Etymologie ist die Erklärung der Entstehung und Bedeutung eines Wortes. Viele Worte und vor allem die Verben sind ursprünglich eine Ausformulierung dessen, was man tut.
Im Mhd. bedeutete „Reise“: Aufbruch, Unternehmen, Fahrt. Man war sich dabei klar, dass man bewusst aufbrechen muss, um dieses Unternehmen zu beginnen und um sich vorwärts zu bewegen. Ein Reisender ist ein Unternehmer, der vorwärts will.
Im Nhd hängt das Wort „Reise“ mit dem Verb risen oder risan zusammen – sich von unten nach oben bewegen. Das engl. Wort to rise erinnert noch daran: aufstehen, sich erheben, steigen.
Es ist ja auch tatsächlich so. Auf unserer Lebensreise gewinnen wir an Höhe. Wir bekommen einen weiten Blick, können mit den Jahren Dinge besser zu- und einordnen und nehmen an Erfahrungen zu.
Hierbei wird klar, dass unsere Lebensreise sehr viel mit uns selbst und mit Wandlungsprozessen im eigenen Leben zu tun hat. Ich habe dazu einen sehr interessanten Satz aus dem Buch Tobit gefunden. Das Buch Tobit zählt in der orthodoxen und katholischen Kirche zu den kanonischen Büchern. Luther hat es den Apokryphen zugeordnet. In Tobit 8,20 lesen wir den Satz: „Seiner Frau aber trug er auf, ein Mahl herzurichten und alles vorzubereiten, was man auf der Reise braucht.“
Fast scheint es selbstverständlich zu sein, dass man eine Reise vorbereitet und alles bereitstellt, was man für die Reise braucht. Aber jedes Mal steht man erneut vor der Frage: „Was nehme ich denn alles mit?“ Und über allem schwingt eine Angst – nämlich die Angst, dass man etwas vergisst. Darum habe ich mir seit ein paar Jahren eine Reise-Checkliste angelegt, die jeweils von den vorangehenden Reisen profitiert und die ich je nach Bedarf ergänzen kann. Viele Erfahrungen sind hierbei eingeflossen.
So eine Check-Liste habe ich jetzt mitgebracht. Und mit dieser Checkliste möchte ich jetzt mit Ihnen zusammen meinen Koffer packen.
1. Als allererstes steht da: Reisepass, Tickets, Geld abheben, Kreditkarten, Reiseversicherung, Urlaubsadresse hinterlegen.
Zusammenfassend würde ich sagen: Hier geht es darum, dass ich mich ausweisen kann. Auf einer Reise wird man nach seiner Identität gefragt. Wer bin ich? Die Klärung dieser Frage ist auch für unsere Lebensreise wichtig.
Der Reisepass oder Personalausweis gibt Auskunft über die Identität einer Person. Die „persona“ war in der Antike die Maske, die sich antikeSchauspieler bei der Aufführung vor das Gesicht hielten. Dieses Wort leitet sich von „personare“ – hindurchtönen her. Im Sprachempfinden der Römer war die „persona“ eine Verkleidung, durch die der echte Mensch „hindurchtönte“. Durch jedes Gesicht „tönt“ das Ich eines Menschen hindurch, sein Denken und Fühlen, sein inneres Erleben, seine Werte – ja sein ganzes Selbst-Sein. Seither charakterisiert der Begriff „Person“ weithin die Würde des Menschen in seiner Eigenständigkeit, seinem Ich-Bewusstsein und seiner Originalität.[i]
Was da durch uns hindurchtönt, das hängt von verschiedenen Faktoren ab. Unsere Eltern spielen  eine wichtige Rolle, dann auch die Freunde, die Schule, unsere Umgebung und vieles andere mehr. Viele haben eine Eintragung in unsere Person-Sein gemacht.
Ganz wesentlich dabei ist jedoch auch Gott. Zum Menschen gehört von Natur aus der Umgang mit Gott. Sonst ist er nicht vollständig. Uns sagt die Bibel: Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn (Gen 1,27).
„Bild“ bedeutet hier vom hebräischen Wortsinn her: eine Entsprechung, ein Gegenüber, mit dem man sich austauschen kann. Wir sind auf Gemeinschaft mit Gott hin angelegt. Dazu sind wir erschaffen. Das berührt die Sinnfrage unseres Lebens. [ii]
In dem wunderbaren Buch „Der Klang“ macht Martin Schleske, ein Geigenbauer, Entdeckungen über das Leben und den Glauben.
In dem Abschnitt: „Du bist“ und „Du sollst“ schreibt er:
„Zeitlebens sind wir berufen, in das Geheimnis der Gottesliebe tiefer hineinzuwachsen und so zu begreifen, wer wir sind. Wir dürfen nicht nur hören, was wir sollen. Wir müssen den göttlichen Zuspruch wahrnehmen! Das ist das Wesen der Liebe. Sie zeigt uns, wer wir sind. Es anzunehmen heißt, sich in diesem Zuspruch zu glauben.
Denn wer sich nicht glaubt, dem bleibt einzig, sich in seiner Welt täglich „zu beweisen“. Und nicht selten richten wir mit einer solchen verbissenen, maßlosen, waghalsigen, friedlosen Beweisführung uns, und die uns anvertraute Mitwelt, zugrunde! Kein Sollen oder Tun kann je ersetzen, was einem Menschen fehlt, der nicht weiß, wer er ist, weil er den Zuspruch nicht erfährt, der es ihm zeigt.“ [iii]
Die Bibel ist voller solcher identitätsstiftender Zusprüche, die es im Glauben zu ergreifen gilt. Zum Beispiel hören wir aus dem Wort Gottes: „Ihr seid Kinder Gottes; Erben der Verheißung; eine königliche Priesterschaft; Salz der Erde; Licht der Welt und vieles mehr.“ Schlenska schreibt:  „Es sind Sätze der Würde. Gemeinsam ist diesen Worten: „Du bist all das nicht, weil du es sollst, sondern weil Gott dich dazu macht! Deshalb geht es nicht allein um eine Bekehrung unserer Moral, sondern viel früher und tiefer um eine Bekehrung unserer Identität.“ Wer wir letztlich sind, erfahren wir erst im Umgang mit Gott. Und dazu sind wir eingeladen, zur täglichen Begegnung und zum alltäglichen Leben mit unserem Schöpfer.
2. Als zweites finde ich auf meiner Reise-Checkliste Begriffe wie Kleidung, Schuhe, Badesachen, Kopfbedeckung. Im Detail aufgeführt nehmen diese Sachen wohl den Hauptteil ein. Sie liefern das Hauptvolumen im Koffer. Die Kleidung wärmt, schützt und kleidet uns  eben auch. Sie dient als Zeichen und Kommunikationsmittel. Sie sagt etwas darüber aus, wer und wie wir sind.
Mehrere Mal fordert der Apostel Paulus uns eindeutig auf, dass wir Jesus Christus anziehen sollen. Z.B. steht in Röm 13,14 „Zieht an den Herrn Jesus Christus.“ Grundlegend – so formulierte es Paulus – haben wir Jesus Christus in unserer Taufe angezogen. Gal 3,26f „Denn ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen.“ Dann aber schreibt er es immer wieder und fordert uns dazu auf, dies neu und bewusst zutun. Die Briefe des NT sind ja Briefe an Getaufte. Immer aufs Neue müssen wir daran erinnert werden, Jesus anzuziehen. Im Eph 4,24 z.B. schreibt er: „Zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.“
Haben wir uns für Jesus entschieden? Sind wir dabei geblieben und stehen wir zu IHM? Wir dürfen jeden neuen Tag Jesus in unser Leben einladen und IHM sagen: Komm Herr und sein heute der Herr in meinem Leben, führe mich und erfülle mich mit deinem Heiligen Geist.
Nach einer Entscheidungsschlacht ließen die Armenier dem Perserkönig Yazdgird II. im Jahre 451 wissen: „Wir haben das Christentum nicht als Kleid angenommen, das man immer wieder wechseln könnte, sondern wie eine Hautfarbe, die man nicht entfernen kann“. Diese Glaubenstreue sucht Gott heute an uns. Jesus Christus brauchen wir unbedingt auf unserer Lebensreise. Er ist unser Schutz, unsere Wärme und Geborgenheit, aber auch das Zeichen, an dem wir uns erkennnen.
3. Die nächste Rubrik auf meiner Checkliste lautet Reiseführer, Reiseliteratur, Heft für Notizen.
Oft ist es ja so, dass man auf einer Reise zu Wartezeiten gezwungen wird. Auf Flughäfen sitzt man nach dem Einchecken oft längere Zeit und muss sich die Zeit vertreiben. Oder manchmal liegt man einfach am Strand und relaxt. Da ist es schön, wenn man ein gutes Buch zur Hand hat. Ja und wer von dem Land, in dem er sich gerade befindet, etwas mitbekommen will und Kultur, Natur, Geschichte und Sehenswürdigkeiten kennenlernen will, der muss einen Reiseführer mitnehmen.
Für uns Christen ist die Bibel die wichtigste Reiseliteratur.
Wir hatten in dieser Woche in unsere Gemeinde einen Gast aus dem Iran (Persien). Ali ist als Muslim aufgewachsen, fand zu Jesus und übersetzt jetzt von Deutschland aus für ein Volk in seinem Heimatland die Bibel.
Mir machte diese Begegnung wieder deutlich, dass es ein großes Vorrecht ist, dass die Bibel uns frei zugänglich ist. Wir können sie in unserer Muttersprache lesen. Ein Narr ist, wer sie ungelesen im Schrank stehen hat. Unbedingt gehört sie mit zum Gepäck unserer Lebensreise. Unser Bruder sagte an diesem Abend einen sehr bedeutenden Satz: „Man braucht das Brot um leben zu können und man braucht die Bibel (Gottes Wort) um leben zu wollen.“ Denken Sie  einmal darüber nach!
4. Als vierten Punkt steht auf meiner Reise-Checkliste Adressbuch und Oropax. Oropax ist für die Nacht – das Adressbuch  für den Tag.
Wissen Sie, es gibt vieles, das wir nicht zu hören brauchen. Vieles was wir zu hören bekommen, ist nicht nur zeitraubend und störend sondern auch verwirrend. Vor allem aber übertönt unsere laute mediale Welt die Stimme Gottes. Stille würde uns guttun. Stille hilft zur Konzentration auf das Wesentliche. Stille hat heilende Funktion.
Ja und das Adressbuch nehme ich mit, um meine Urlaubsgrüße verschicken zu können. Es kann aber ebenso gut als Gebetsliste für die Fürbitte dienen. Das ist ein wunderbarer Dienst, dass wir täglich für Menschen, die Gott uns aufs Herz legt, beten können. Der Gebetsdienst ist ein stiller und unspektakulärer Dienst in der Gemeinde – aber ein wichtiger Dienst. Sie werden einmal in der Ewigkeit staunen, wer da für sie gebetet hat. Tun sie es heute für andere. Die Fürbittenliste ist wichtig auf unserer Reise durch das Leben.
5. Als letzte Anmerkung auf meiner Checkliste – es gäbe sicher noch einige andere Utensilien zu nennen – aber als letztes wichtiges Begleitstück will ich den Kultur- und Medizinbeutel nennen. Alles was sich in unserem Kulturbeutel befindet, ist wichtig für die Hygiene. Alles was der Medizinbeutel beinhaltet, dient unserer Gesundheit. Man will doch auf einer Reise nicht krank werden – bzw. dann, wenn sich Krankheitssymptome bemerkbar machen, soll es etwas geben, dass es nicht schlimmer wird.
Wie wichtig ist doch auf unserer Lebensreise die geistige und geistliche Hygiene. Wir brauchen diese Gelegenheiten, wo wir Schuld losbekommen, wo wir Sorgen abgeben können und Ängste aus-sprechen können. Dafür ist doch Jesus Christus für uns am Kreuz gestorben, dass wir von der Macht der Sünde, des Todes und des Teufel frei werden. Wir sind zur Freiheit der Kinder Gottes berufen. Darum ist die geistige und geistliche Hygiene wichtig auf unserer Lebensreise.
Nun habe ich meinen Koffer gepackt. Alles, was wir in den Koffer getan haben, erinnert uns an das, was wir auf unserer Lebensreise brauchen. Es spielt keine Rolle, wie weit wir schon vorgedrungen sind. Zu jeder Zeit können wir das alles, wovon wir gesprochen haben, in Anspruch nehmen. Gott stellt es uns zur Verfügung.
Schließen möchte ich mit einem Satz : „Das wichtigste Stück des Reisegepäcks ist und bleibt ein fröhliches Herz.“

Amen


[i]               R. Körner – Person, Prinzip, Energie in Salzkorn  Januar-März 1/2014 Nr. 257 S.13

[ii]              M. Sims  Rundbrief des Schniewind-Hauses Februar 2014 S. 1

[iii]              M. Schlenksa Der Klang Kösel-verlag München 8. Auflage 2014 S.81