Brunnen-Andacht

Liebe Schwestern und Brüder,

kurz entschlossen machten sich meine Frau und ich am Montag, den 15. Februar auf den Weg zum Willy-Brunnen. Der Wetterbericht hatte einen Umschwung des kalten Winterwetters angekündigt. Der Entschluss stand am Frühstückstisch schnell fest, noch einmal das klare Wetter zu einem Spaziergang auszunutzen. Einige weitere Wanderer hatte das sonnige Wetter hinaus in den Wald gezogen. Über die Cottabuche und den Elisabethstein führte unser Weg hinab in das Tal der großen Mittweida zu den Katzensteiner Wiesen mit dem Willy-Brunnen. Vom Schnee umgeben und mit Eis umwachsen bewegte sich immer noch das kleine Wasserrad, das von dem fließenden Wasser angetrieben wird. Auf dem Weg dahin bekam ich die Idee, mich wieder einmal bei den Besuchern unserer Gemeindekreise zu melden. Schon einige Monate mussten wir bedingt durch die Corona-Gesetze auf ein Zusammenkommen verzichten. Auch wissen wir immer noch nicht, wann dies einmal wieder möglich sein wird. So möchte ich euch durch diese Zeilen herzlich grüßen und ermutigen.
Der Willy-Brunnen gab mir die Anregung, über die geistliche Botschaft eines Brunnens nachzudenken. Oft ist in der Bibel von Brunnen die Rede. So wurden Brunnen den Menschen zu Schaltstellen des Lebens. Vier Gedanken haben mich dabei bewegt.
1. Der Brunnen ist ein Ort, an dem man trinkt.
Einst war der Willy-Brunnen eine Pferdetränke. Waldarbeiter nutzten das gute Wasser zum Tränken ihrer Pferde. Auch Wanderer nehmen an heißen Sommertagen einen Schluck von diesem kühlen Nass.
In der Bibel wird oft berichtet, dass Menschen und Tiere zu einem Brunnen gehen, um dort zu trinken. Der Evangelist Johannes erzählt uns eine Geschichte, die sich am Jakobs-Brunnen unweit der Stadt Sychar begeben hat. Jesus war mit seinen Jüngern in der größten Mittagshitze dort angelangt. Sie trafen eine Frau aus der Stadt, die gekommen war, um Wasser zu schöpfen. Es ergab sich ein Gespräch zwischen Jesus und jener Frau. Zunächst ging es um den menschlichen Durst. Menschen gehen zum Brunnen, um dort ihren Durst zu stillen. Jeder Mensch braucht Wasser als Lebens-Mittel. Aber in diesem Gespräch kommt Jesus auf den Punkt und offenbart sich selbst gewissermaßen als Brunnen des lebendigen Wassers. Er möchte zur Lebens-Mitte des Menschen werden. Er sagt zu jener Frau: „Wenn du wüsstest, was Gott den Menschen schenken will und wer es ist, der dich jetzt um Wasser bittet, dann hättest du ihn um Wasser gebeten und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben.“ Joh 4,10
Das frische, fließende und sprudelnde Wasser ist im Johannesevangelium ein Bild für den Heiligen Geist. Jesus möchte uns seinen Geist und damit neues und ewiges Leben schenken. Durch den Heiligen Geist ist Glaube erst möglich. Um diesen Heiligen Geist dürfen wir Jesus bitten. Er lädt uns selbst dazu ein, mit dieser Bitte zu IHM zu kommen.
2. Der Brunnen ist der Ort, an dem man sich trifft.
Im Altertum waren die Brunnen oft so eine Art Nachrichtenzentrale. Hier traf man sich, tauschte sich aus, erzählte die neusten Ereignisse und Geschichten weiter. An den Brunnen pflegten die Menschen Gemeinschaft.
Vielleicht kann man hier den Vergleich zu unseren Gemeindeveranstaltungen und Gottesdiensten ziehen. Sie sollen Brunnen geistlichen Lebens sein. Hier hören wir das Wort des Herrn, beten und singen gemeinsam und erleben so Gemeinschaft mit Gott und untereinander. Fernsehgottesdienste füllen nur bedingt diese Lücke aus. Es fehlt die Gemeinschaft. Schmerzlich spüre ich in diesen Tagen diesen Verlust. Aber wie so oft, lässt uns ein Defizit etwas Wichtiges erkennen. Glaubenswachstum braucht u.a. auch die Schwestern und Brüder. Von Zinsendorf stammt der berühmte Satz: „Ich statuiere kein Christentum ohne Gemeinschaft“. Dabei kann sich der geistliche Vater der Herrnhuter Brüdergemeine auf die Bibel stützen. Von der Urgemeinde heißt es: „Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.“ Apg 2,4
3. Der Brunnen ist der Ort, an dem man sich ausruhen kann.
Im alten Israel war ein Brunnen etwas Besonderes. Es war das Geheimnis der Nabatäer, dass sie auf dem Weg durch die Wüste wussten, wo Wasserstellen sind. Man stelle sich die Freude vor, wenn man nach einem langen Marsch durch die glühend heiße Wüste endlich an einen Brunnen kommt und trinken kann. Hier ruhte man sich aus und sammelte Kräfte für die nächste Etappe.
So schafft Gott uns immer wieder Orte, an denen wir zur Ruhe kommen und auftanken können. Oft beklagten wir unsere hektische und anstrengende Zeit. Corona hat das Leben ein ganzes Stück verlangsamt. Aber diese äußere Verlangsamung ist noch nicht Stille vor Gott. Erst in der Stille vor Gott findet der Mensch echte Hilfe. So bezeugt es der Psalm 62. „Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft.“ Ps 62,2 Echte Brunnenerfahrungen macht man, wenn man in die Gegenwart Gottes tritt. Gerhard Tersteegen hat dies in wunderbarer Weise beschrieben: „Gott ist gegenwärtig. Lasset uns anbeten und in Ehrfurcht vor ihn treten. Gott ist in der Mitte. Alles in uns schweige und sich innigst vor ihm beuge. Wer ihn kennt, wer ihn nennt,
schlag die Augen nieder; kommt, ergebt euch wieder.“
4. Der Brunnen ist der Ort, an dem man neu das Ziel in den Blick nimmt.
Der Weg geht weiter. Wenn ein Wanderer sich am Brunnen gestärkt hat, nimmt er das Ziel in den Blick und geht los. Orte der Ruhe sind immer auch Stellen an denen man sich orientiert. Auch wir sind auf dem Weg in der Nachfolge Jesu gerufen, das Ziel des Glaubens neu ins Visier zu nehmen und feste und gewisse Schritte zu gehen. Paulus schreibt im Zusammenhang der Wiederkunft Jesu: „… und so werden wir bei dem Herrn sein allezeit.“
Sören Kierkegaard hat diese Hoffnung so formuliert: „Noch eine kurze Zeit, dann ist´s gewonnen, dann ist der ganze Streit in nichts zerronnen. Dann werd ich laben mich an Lebensbächen und ewig, ewiglich mit Jesus sprechen!“ So wollen wir uns von einem Brunnen ermutigen lassen, den Weg des Glaubens weiter zu gehen und in mitten der momentanen Situation Zeugen des Evangeliums von Jesus Christus sein.
Herzlich grüßt Friedrich Preißler

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