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Auf den Spuren der Antike und der Staufer


Gedanken im Nachgang zu einer Reise nach Sizilien

 

Folgende Gedanken aus dem hübschen Büchlein „Gebrauchsanweisungen für Sizilien“ von Constanze Neumann stimmten mich auf die Gemeindereise ein:  „Sizilien ist eine Insel der Gegensätze. Die einen sagen, dass man hier Italianitä und Dolce vita (das süße Leben) in Reinkultur erlebt wie sonst nirgends. Die anderen behaupten, dass Süditalien in Kalabrien endet - und schon scheiden sich erneut die Geister: Ist Sizilien die nördlichste Region Afrikas oder der südlichste Zipfel des germanisch angehauchten Nordens der Welt? Immerhin regierten hier im Mittelalter die Stauferkönige, und Richard Wagner komponierte in Palermos Nobelherberge Grand Hotel et des Palmes den Parsifal. Anfangs staunt man über diese scheinbar abwegigen Ideen. Bleibt man aber länger auf Sizilien, leuchten alle ein - und man hört auf, sich zu wundern.“

Schon begünstigt durch seine exponierte Lage im Mittelmeer zog es seit jeher Menschen unterschiedlicher Hautfarbe und Nationalität hier her auf die Insel. Unser Reiseleiter Alberto Amato kommentierte dieses Tatbestand mit den Worten: „Wir sind eben ein genetisches Experiment.“ Nach dem griechischen Historiker Thukydides soll die Geschichte Siziliens mit den aus Iberien eingewanderten Sikaner begonnen haben. Diese wurden dann von den aus Italien zugezogenen Sikuler verdrängt. Und so ging die Geschichte weiter. Phönizier, Griechen, Römer, Byzantiner, Araber, Normannen, Staufer und Spanier kamen und steuerten ihre Gene, Kultur und Religion bei. So ist es bis heute geblieben. Als wir in Agrigento übernachteten, waren im gleichen Hotel Polizisten stationiert. Es hieß: Afrikaner seinen übers Meer gekommen. Das passiert hier bei schönem Wetter öfters. Ein anderes Beispiel: In der deutschen Gemeinde in Catania stellten sich die Mitglieder der Gemeinde als „Heiratsemigranten“ vor. Auch Aussteiger zieht es immer wieder auf diese besondere Insel im Mittelmeer.

In gewisser Weise kann man es verstehen, das Menschen, die einmal hier waren, sich immer wieder angezogen fühlen. Die Landschaft, die historischen Hinterlassenschaften der verschiedenen Völker und vor allem die Menschen, die hier leben, haben etwas Besonders an sich. Goethe, der natürlich auch hier war, ließ sich zu der Aussagte hinreisen: „Italien ohne Sizilien macht gar kein Bild in der Seele: hier ist erst der Schlüssel zu allem.“ Auch einigen aus unserer Reisegruppe erging es ähnlich. Fasziniert von diesem Stück Erde kündigten sie ihre Wiederkehr an.

Am frühen Morgen des 20. März 2014 begann unsere Sizilienreise. Mit dem Bus gelangten wir von Crottendorf nach Berlin-Tegel. Am Nachmittag landeten wir sicher in Catanja und bezogen in Giardini-Naxos unser Hotel. Das alte Naxos zählt mit zu den ersten griechischen Gründungen auf Sizilien. Von Kalabrien aus trieb eine Meeresströmung Schiffe an dieser Stelle an Land. Die Griechen gründeten 735 v. Chr. - 734 v. Chr. von Chalkis aus hier eine Kolonie. Giardini-Naxos liegt auf der Halbinsel Schiso unweit von Toarmina. Hier quartierten wie uns für drei Nächte ein.

Eine kleine Gruppe Wissbegieriger machte sich kurz nach der Einquartierung zu einer kleinen Erkundung auf den Weg. Man muss ja am besten sofort einen körperlichen Kontakt mit dem Land bekommen. Unser Weg führte uns zum Strand. Ein lauwarmer Frühlingsabend hieß uns willkommen. Die suchenden Blicke gingen immer wieder hinüber zum Ätna. Als es dunkler wurde konnte man gut den glühenden Magmastrom erkennen. Etwas Mystisches überkommt einen, wenn man dieses Naturschauspiel zum ersten Mal mit eigenen Augen sieht. Hier im Vulkan soll sich nach der griechischen Mythologie die Arbeitsstätte des Hephaistos, dem Gott der Schmiede, befinden. Wir stellten jedenfalls fest, dass sich zu dem Duft der Frühlingsblüten eine rauchige Note hinzugesellte.

Am Freitag den 21. März begann unsere eigentliche Sizilienrundreise. Wir starteten auf dem höchsten Punkt der Insel. Faszinierend war die Auffahrt zum Ätna. Wir durchquerten drei Vegetationszonen. Angefangen bei der Vegetation, die für das Mittelmeer typisch ist, erreichten wir dann die nordische Vegetationszone mit den Steineichenwäldern und gelangten schließlich in eine Wüstenlandschaft. Zunächst fuhren wir mit dem Bus bis zu den Silvestri-Kratern, erreichten dann mit der Seilbahn eine Höhe von 2500 Meter und schließlich ging es mit geländegängigen Bussen auf eine Höhe von 2800 Meter. Durch meterhoch ausgefräste Schneewände bewegten wir uns vorwärts. Unter uns dampfte auf den Lavafeldern der Boden. Wir hatten durch den strahlend blauen Himmel eine gute Sicht. Es war ein faszinierendes Erlebnis. Man fühlt förmlich die Urkräfte der Erde unter sich. Zu Beginn unsere Reise musste ich der Reisegruppe noch mitteilen, dass ein Aufstieg zum Ätna nicht möglich sei. Im Internet fand ich den Hinweis:  Seit dem 05. Februar 2014 gilt Warnstufe „Orange“ was bedeutet, dass die gelbe Zone (Gipfelkrater und Gelände oberhalb von 2900 m Höhe im Süden, 2800 m Höhe im Norden) nicht, auch nicht mit Bergführer betreten werden darf! Umso größter war unsere Freude, als wir erfuhren, dass einige wenige Tage zuvor der Aufstieg freigegeben wurde.

Vom Gipfel des Ätnas fuhren wir dann in Serpentinen steil bergab nach Viagrande. Dort in einem schön gelegenen Dörfchen am Fuß des Vulkanes erwartete uns eine Weinverkostung. Hier fanden wir zunächst auf einer schönen Wiese vor dem Weingut einen guten Platz für die Andacht. Dann wurden wir in einen großen Raum mit einer alten Weinpresse zur Verkostung eingeladen. Besonders mundete uns der weiße Etna-Wein. Zu den verschiedenen Weinen gab es leckere Spezialitäten aus der einheimischen Küche.

Weiter ging unsere Fahrt nach Toarmina. Schon jeher fanden die Menschen diese Gegend anziehend. Die Sikuler siedelten bereits hier. Toarmina liegt hoch oben auf einer Felsterrasse. Von weitem sieht die Stadt aus, wie ein Adlernest. Aber seinen Namen fand dieser reizende Ort durch ein anderes Tier - dem Stier. Tauromenion heißt im Griechischen der Stier. Der Minotauros ist in der griechischen Mythologie ein Wesen mit menschlichem Körper und Stierkopf. Vom Meer aus gesehen sah die Küstenlandschaft durch zwei Vulkankegel wie ein Stierkopf aus. Wir stiegen am Fuß des Felsens um in einen Stadtbus, der uns hinauf in die Stadt brachte. Durch die Porta Mesina betraten wir den meistbesuchtesten Urlaubsort Siziliens. Zunächst besichtigten wir das Odeon und das griechische Theater. Von hier aus hat man einen faszinierenden Blick auf den Ätna. Unser Weg führte uns weiter an den Resten des Amphitheaters vorbei bis zum Dom. Hier im Dom soll sich das Grab des Heiligen Pagratius befinden. Pankratius wurde in Antiochia geboren. Er lernte als Jugendlicher Jesus kennen und wurde ein Schüler des Apostels Petrus. Nach dem Tod seiner Eltern lebte Pankratius als Einsiedler in einer Höhle an der Schwarzmeerküste. Dort soll ihn Petrus besuchte haben. Er nahm ihn mit auf eine Missionsreise bis nach Sizilien. Hier sollen sie sich mit Paulus getroffen haben. Pankratius wurde von Petrus und Paulus zum Bischof von Taormina geweiht. Hier erlitt er das Martyrium. Es war schon dunkel als wir die Stadt verließen und mit dem Bus ins Hotel zurückkehrten. Im Hotel genossen wir die sizilianische Küche und den Wein vom Ätna.

Unsere Reise stand unter dem Thema „Auf den Spuren der Antike und der Staufer.“ Mir wurde erst während der Reise klar, das Sizilien in vielerlei Hinsicht einen wichtigen Teil griechischer Geschichte beherbergt. Magna Graecia (lateinisch für: „großes Griechenland“) nannte man die Regionen im antiken Süditalien und Sizilien.

Im Jahre 734 v.Chr. wurde Syrakus von Korinth aus gegründet. Diese Stadt war für uns das Reiseziel am Samstag, den 22. März. Von unserem Hotel aus fuhren wir entlang der Küste nach Süden. Dank der Autobahn kamen wir zügig voran. Salvatore, unser Fahrer, gab uns das Gefühl der Sicherheit. Auch wenn er an keiner Stoppstraße hielt und jede Geschwindigkeitsbegrenzung ignoriert wurde (ich konnte es von meinem Platz aus beobachten) scheint dies mit dem sizilianischen Verkehrsfluss eher kompatibel und ungefährlicher zu sein, als umgekehrt. Wie sagte doch unser Reiseleiter Alberto „Bei uns gibt es verboten und streng verboten.“

Das Syrakus eine griechische Stadt war, wusste ich aus meinen Kindertagen. Mein Vater schenkte mir einst ein Buch über Archimedes. Archimedes Satz: „Störe meine Kreise nicht!“, den er einem römischen Soldaten kurz vor seinem Tod entgegenschleuderte, hat sich mir tief ins Gedächtnis eingebrannt. Aber dass Syrakus in Sizilien liegt, hat sich mir erst jetzt erschlossen. Jahrhunderte lang war Syrakus in der Antike die größte und mächtigste Stadt der Insel.

Wir starteten unsere Besichtigung und begannen in den antiken Steinbrüchen - den Latomien. Seit dem 6. Jahrhundert vor Christus wurde hier Kalkstein für verschiedene Bauten gewonnen. Einst waren die Kalksteinbrüche unterirdisch. Die Hohlräume wurden durch Pfeiler gestützt. Einige dieser Stützen sind stehen geblieben, als die Decke durch ein Erdbeben einstürzte. Heute hat sich die Natur dieses Reservat zurückgeholte und in eine bizarr geformte Landschaft umfunktioniert.

Von hieraus wanderten wir zum Theater der Stadt. Unter Hieron I. wurde um 470 v.Chr. dieses Theater errichtet. Mit einem Durchmesser von 138 m und rund 61 aus dem Felsen gehauenen Sitzreihen, auf denen rund 15.000 – 20.000 Zuschauer Platz fanden, war es eines der größten Theater der griechischen Antike. Unser Theaterrundgang begann bei dem Nymphäum. Aus einer der Nischen strömt noch immer das Quellwasser heraus. Unsere Besichtigung wurde zeitweise vom Lärm der Zimmerleute unterbrochen, die die Steinstufen mit Holz verkleideten. Im Sommer finden hier immer gut besuchte Aufführungen der griechischen Dramen statt.

Vorbei am Opferaltar Hierons II. gingen wir weiter zum Amphitheater. Auch dieser Altar war ein Bauwerk der Superlative. Auf diesem fast 200 m langen und 23 m breiten Altar sollen zur Erinnerung an den Sturz des Tyrannen Eleutherios 450 Stiere geschlachtet worden sein. Man stelle sich das Gemetzel, die Mengen an Blut und die Berge von Fleisch vor, die entstanden. Wir wunderten uns über die überdimensionierten Gebäude aus der griechischen Periode. Das hat aber seinen einfachen Grund darin, das Syrakus einst die größte Stadt der griechischen Welt war. Mit 500.000 Einwohnern war Syrakus seinerzeit größer als Athen. Im Amphitheater angekommen hatten wir die griechische Antike zeitlich gesehen hinter uns gelassen. Die Griechen bauten keine Amphitheater. Ihnen kam es bei den Theateraufführungen auf andere Inhalte als den Römern an. Die Griechen behandelten in ihren Dramen Dinge und Probleme des Lebens. Die Zuschauer sollten sich nach einer Aufführung befreit fühlen. Ein Theaterbesuch sollte innerlich etwas klären und zum Verstehen der Probleme im Leben helfen. Bei den Römern ging es in den Arenen der Amphitheater um das Vergnügen und das Spektakel. Tier und Gladiatorenkämpfe waren an der Tagesordnung. Hier wurde gestorben und die Zuschauer berauschten sich am Kampf.

Von hieraus fuhren wir mit dem Bus weiter, um die Halbinsel Ortygia zu besichtigen. Hier ist die Keimzelle der Stadt zu suchen. Die Insel sieht aus wie ein Vogel. Die Griechen dachten dabei an die Wachtel. So kam der Name Ortygia - Wachtelinsel zustande. 734 v.Chr. landeten hier Kolonisten aus Korinth, vertrieben die Sikuler und gründeten eine griechische Stadt. Wir wanderten entlang der Uferpromenade des Porto Grande bis zur Artusa-Quelle. Unmittelbar neben dem Meer befindet sich eine Süßwasserquelle mit Papyrusstauden. Von hier führte unser Weg weiter zum Domplatz.

Der Dom von Syrakus ist ein steinernes Zeugnis des religiösen Wandels. Einst stand hier ein Athenatempel. Im 7. Jahrhundert wurde eine Marienkirche daraus. Die Zwischenräume der Säulen wurden vermauert, um einen geschlossenen Raum zu erhalten. Die Araber ließen daraus eine Moschee erstehen und die Normannen wandelten das Gebäude wieder in eine Kirche um. Heute kann man so eine Kirche erleben, die in einen griechischen Tempel hineingebaut wurde. Im Mittelschiff der Kirche ist eine Umschrift zu lesen, die besagt, dass diese Kirche die erste Tochter der Kirche von Antiochien sei. Das kann der Wahrheit entsprechen, denn es gab nachweislich schon im Jahre 42 hier eine christliche Gemeinde, und die Apostelgeschichte bezeugt uns, das Paulus auf seiner Reise nach Rom hier für 3 Tage weilte. (Apg 28,12)

Wir hatten an diesem Tag ein weiteres schönes Erlebnis, dass so in unserem Programm nicht vorgesehen war. Um die Mittagszeit bestiegen wir zwei Boote und unternahmen eine Flusskreuzfahrt. Vorbei an alten Bäumen und wild wachsenden Papyrusstauden fuhren wir bis an einen schönen Ankerplatz und hielten hier unser Picknick. Salavatore hatte die Zutaten dazu am Vormittag während unserer Stadtbesichtigung besorgt. Es war ein gelungener Event. Hier fanden wir auch einen schönen Platz für unsere Andacht.

Nachdem wir uns körperlich und geistlich gestärkt hatten, konnte es weitergehen. Unser letztes Tagesziel hieß Noto. Noto gilt als eine der schönsten sizilianischen Barockstädte und gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe. Unser Weg führte uns vom Klassizistischen Triumphbogen entlang des Corsos Vittorio Emanuele. Es ist die Hauptverkehrsader von Noto mit drei Plätzen, von denen jeder eine eigene Kirche beherbergt. Eigentlich ist Barock nicht gerade der Baustil, der mein Herz erwärmt - aber Noto als geschlossenes Ensemble hat mir sehr gefallen. Wieder hatten wir einen Tag voller schöner Impressionen und prall gefüllter Informationen erlebt. Auf der zweistündigen Rückreise ins Hotel versanken viele aus unserer Gruppe in einen tiefen Schlaf, um mit neuen Fassungsvermögen das reichhaltige Buffet am Abend zu genießen.

Nach unserer dritten Nacht im Hotel in Naxos hieß es am Morgen des 23. März Kofferpacken. Es war Sonntag. Wir verließen die Küste und starteten in das Innere der Insel. Enna war unser erster Anlaufpunkt. Auf der langen Fahrt zu unserem ersten Tagesziel erzählte uns unser Reiseleiter etwas über die Hintergründe, die Entwicklung und das Funktionieren der Mafia. Wie sehr hat dieses Land darunter gelitten. Ich musste in manchen Punkten an die Stasi und unsere Erfahrungen damit denken.

In Enna angekommen parkte unser Bus außerhalb des Stadtkernes - nahe des Castello di Lombardia. Unweit des Kastells sieht man Reste eines Heiligtums für Demeter. Cicero schrieb darüber: „So groß war das Ansehen und Alter jenes Kultes, dass die Menschen, wenn sie dorthin gingen, nicht zu einem Tempel der Ceres, sondern zu Cers selbst aufzubrechen schienen.“ Wir besichtigten zunächst das Lombardenkastell. Von hier hat man einen schönen Ausblick auf die Landschaft – ja, man kann sogar bis zum Ätna sehen. Dann hatten wir etwas Freizeit. Entlang der Via Romana schlenderten wir bis zum Dom. Vor dem Dom spielte eine Folkloregruppe sizilianische Volkslieder und gab dem Ganzen eine besondere Atmosphäre. Wir tauchten emotional ein in Sizilien.

Unsere Fahrt ging weiter nach Riesi. Auf den Landkarten ist hier keine Besonderheit vermerkt und Riesi kommt in keinem Reiseführer vor. Für uns jedoch kam es hier zu einer sehr interessanten Begegnung. Unser Ziel war das Servizio Cristiana. Dieses Institut ist eine Einrichtung der Waldenserkirche. Die Waldenser waren eine Reformbewegung - beginnend im ausgehenden 12. Jahrhundert.

Die Kirche führt sich zurück auf Petrus Valdes (gestorben vor 1218). Er war ein reicher Kaufmann aus Lyon und gab nach einem Bekehrungserlebnis sein Vermögen auf. Mit seinem Geld organisierte er Armenspeisungen und predigte mit seinen Anhängern das Evangelium. Es kam unausweichlich zum Konflikt mit der Katholischen Kirche. Valdes wurde 1182/83, nachdem er dem durch den Lyoner Erzbischof verhängten Predigtverbot nicht Folge leisten wollte, von diesem exkommuniziert und mit seinen Anhängern aus der Umgebung der Stadt vertrieben. Die Waldenser verbreiteten sich danach zunächst in Südfrankreich und von dort aus in viele Gegenden Europas. Viele Gedanken, die sich später in der Reformation durchsetzen, tauchten schon bei den Waldensern auf.

Der Servizio cristiano Instituto Valdense ist eine soziale Einrichtung der Waldenserkirche in Italien. Riesi war eine Stadt des Schwefelabbaus. Die Schwefelgruben gehörten zu den bedeutendsten in Europa. Der Bergbau zog viel soziales Elend nach sich. Hier entstand im Jahre 1961 das Valdenser Institut in Sizilien. Gründer und Förderer war der Pastor Tullio Vinay. Sein Ziel war, die Liebe Gottes ganz praktisch umzusetzen. Damals war Riesi ein Ort großer sozialer Nöte. Seit Beginn ist für die Waldenser in Riesi die Bildung der Kinder eine der grundlegenden Aufgabe. Die Schulen gliedern sich im Kindergarten in zwei Klassen und in der Grundschule in fünf Klassen. Die gesellschaftlichen Schichten, aus denen die Kinder kommen, die die Waldenser-Schulen besuchen, sind unterschiedlich. Viele der Kinder kommen aus Situationen wirtschaftlicher und sozialer Bedürftigkeit. Neben der Bildung ist hier die Landwirtschaft ein zweiter Schwerpunkt. Auf einer Anbaufläche von 15 ha werden Oliven-, Mandel- und Gemüseprodukte biologisch kontrolliert produziert. Nach einem sehr leckeren Mittagessen führte uns die Sekretärin auf dem Gelände herum und erzählte uns viel von der Arbeit der Waldenser hier vor Ort.

Das dritte Etappenziel an diesem Sonntag war Agrigent. Wir kamen wieder an die Küste. Wegen seiner großartigen Tempelruinen ist Agrigent eine der sehenswertesten Städte in Sizilien. Namhafte Persönlichkeiten der griechischen Antike wie z.B. Empedokles lebten und arbeiteten hier. Bernhard Berenson schrieb in seinem Buch „Reise nach Sizilien“: „Als wir neulich abends in Sichtweite des Akragas waren, war die Sonne dabei unterzugehen und verklärte dabei die Säulen dieser einfachen aber doch sehr harmonisch proportionierten Strukturen - es schien als würde aus den Steinen ein inneres Licht hervorkommen. An keinem anderen griechischen Ort, ausgenommen dem Parthenon, kann man eine ähnliche Heraufbeschwörung der hellenistischen Welt erleben.“

Wir begannen unseren Rundgang am Hera-Tempel, folgten der alten griechischen Stadtmauer, in der in byzantischischer Zeit Gräber angelegt wurden, gingen weiter zum Concordia-Tempel, passierten den Herkules-Tempel und kamen schließlich zum Zeus-Tempel. Ich weiß auch nicht, warum man dies „das Tal der Tempel“ nennt – wir gingen jedenfalls auf einem Höhenzug entlang. Der Concordia-Tempel zählt mit zu den vollständigsten Tempeln der griechischen Welt und ist einer der besterhaltendsten dorischen Tempel Siziliens. Das Bauwerk ist bis auf das Dach fast vollständig erhalten. Den guten baulichen Zustand verdankt er heute der Tatsache, dass er im 6. Jahrhundert in eine christliche Kirche umgewandelt wurde. Wir erinnern an das Beispiel von Syrakus. 1748 wurde dann die kirchliche Nutzung aufgegeben und das Gebäude als Tempel restauriert.

Der Zeus-Tempel sprengte in seinen Dimensionen jede Vorstellung. Es ist der größte dorische Tempel überhaupt. Ein Erdbeben hat die Steine auf einer Fläche von 6000 m2 hingeworfen. Die Säulen hatten eine Höhe von über 18 m. Goethe (der natürlich auch hier war) notierte: „Von der Cannelierung der Säule kann dies einen Begriff geben, dass ich, darin stehend,  dieselbe als eine kleine Nische ausfüllte, mit beiden Schultern anstoßend. Zweiundzwanzig Männer, im Kreis nebeneinandergestellt, würden ungefähr die Peripherie einer solchen Säule bilden.“

Noch einmal tauchten wir in die Welt der griechischen Antike ein. Am Montag, den 24. März fuhren wir von Agrigent aus weiter nach Selinute. Selinunte ist mit seinen acht griechischen Tempeln des 6. und 5. Jhdts v.Chr. und dem nahe gelegenen Demeter-Heiligtum eine der größten und bedeutendsten antiken Stätten Siziliens. Im Baedeker ist zu lesen: „Kolonisten aus Megara Hyblaia bei Syrakus gründeten um 650 v.Chr. weit im Westen an einem bis dahin unbesiedelten Platz eine Tochterstadt, der sie den Namen Selinus gaben. Selinon ist das griechische Wort für wilden Sellerie; sein Blatt schmückt die Münzen der Stadt, häufig zusammen mit dem Bild des gehörnten Flussgottes Selinos. Diese westlichste griechische Stadt auf Sizilien war - wie Himera an der Nordküste - ein Vorposten gegen den karthagischen Westteil der Insel. Sie dehnte ihren Einflussbereich rasch entlang den Küsten aus. In nördlicher Richtung stieß sie bald auf das Gebiet der Elymerstadt Segesta, und der Streit um die Grenzziehung war ein ständiges Thema. Das 6. und 5. Jh. v. Chr. war für Selinunt eine Zeit des Wohlstands und Glanzes.“

Da man die Tempel nicht hundertprozentig bestimmten Gottheiten zuordnen kann, werden sie einfach mit Buchstaben benannt. Wir begannen unsere Besichtigung bei der östlichen Tempelgruppe. Sie besteht aus drei parallel zueinander gelegenen Tempeln. Der Tempel E war wahrscheinlich ein Heratempel. Er wurde 1957/58 wieder aufgebaut. Ihm folgt der Tempel F. Er wurde um 530 v.Chr. erbaut und wahrscheinlich der Athena geweiht. Der größte Tempel war der Tempel G. Von der Größe der Anlage schloss man auf einen Zeus-Tempel. Er wurde kurz nach dem Tempel F errichtet und noch nicht vollendet, als 409 v.Chr. Hannibal die Stadt einnahm und plünderte. Es muss ein fürchterliches Blutbad der karthagischen Truppen gewesen sein. Diodor berichtet davon. Nach dem Fall der Stadt raubten und plünderten die karthagischen Söldner alles, was es an Wertvollem in den Häusern gab. Die Bewohner der Stadt wurden in ihre Wohnungen eingesperrt. Dann wurden die Häuser angezündet und man ließ die Menschen entweder bei lebendigen Leibe verbrennen oder unter den eingestürzten Wänden und Dächern ersticken. Wieder andere wurden ins Freie gezerrt und dort erbarmungslos niedergemetzelt. Kinder, Frauen und Alte wurden nicht geschont. Dann verstümmelten die karthagischen Söldner die Leichen. Der karthagische Feldherr Hannibal verschonte nur jene Mütter, die sich mit ihren Kindern in die Tempel geflüchtet hatten. Er ließ ihnen das Leben. Allerdings nicht aus Menschenfreundlichkeit, sondern weil er fürchtete, dass diese Frauen die Tempel in Brand stecken würden, sodass er sich nicht mehr der dort aufbewahrten Schätze bemächtigen konnte. Ungefähr 16.000 Menschen kamen bei der Zerstörung Selinunts durch die Karthager ums Leben und mehr als 5.000 wurden in die Sklaverei geführt. 

In die Geschichte eingegangen ist die Antwort, die Hannibal den agrigentinischen Abgesandten gab. Sie wollten mit ihm über einen Freikauf der Gefangenen und die Schonung der Tempelbauten sowie die Bedingungen eines Friedensschlusses zu verhandeln. Der karthagische Feldherr lehnte das Ansinnen der Gesandten ab mit der Begründung, dass die Selinunter ihre Stadt nicht zu verteidigen gewusst hätten und sie daher die Sklaverei verdienten. Wohl ist dies lange her. Aber wenn man heute durch die Straßen der Ruinenstadt geht, sollte man sich doch der Tragödien erinnern, die sich hier einst in diesen Mauern abspielten. Wenn Steine reden könnten…

Mit dem Bus fuhren wir weiter zur ehemaligen Agropolis der Stadt. Mächtige Mauern schützen einst die Stadt. Die Stadt ist schachbrettartig im Hippodamischen System angelegt. Der Blick zieht der Tempel C auf sich, da er 1927 wieder aufgerichtet wurde. Er ist der älteste und größte Tempel der Agropolis. Man vermutet, dass er Apollon geweiht war.

Wir kamen vorbei am ehemaligen punischen Viertel. Die Häuser der Punier waren viel kleiner und anders gebaut, als die griechischen Häuser. Im gesamten 4. und in der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts gehörte Selinunt zum Hoheitsgebiet der Karthager. Die geographisch äußerst günstige Lage der Stadt, die einen einträglichen Handel mit Karthago ermöglichte (für die Schiffsverbindung benötigte man nur zwei Tage) machten aus Selinunt schnell eine blühende punische Kolonie. Selinunt war auf einem gut zu verteidigenden Vorgebirge angelegt und von einer robusten Stadtmauer umgeben; seine beiden großartigen Häfen umgrenzten die Akropolis. Sie waren umgeben von den verschiedenen Stadtvierteln mit ihren Markt- und Handelsplätzen, den Werkstätten der Handwerker, den geweihten Bezirken, den Nekropolen und der Tempelanlage, die den karthagischen Gottheiten geweiht war.

Das punische Stadtviertel lag am Süd-Ost-Abhang der Akropolis, im Bezirk der mit A und O bezeichneten Tempel. Die Einfachheit der punischen Häuser in Selinunt steht in reizvollem Kontrast zu der Ausdruckskraft des punischen Bodenmosaiks mit seiner bemerkenswerten religiösen Symbolik. Das Punische Mosaik ist ein besonderer Bodenbelag aus Mörtel, für den im drei Teile Sand und ein Teil Kalk und Stückchen weißen Marmors, gemischt wurden. Nahe der Hauptstraße sahen wir ein punisches Haus mit einem Mosaik aus phönizischer Zeit. In den Tempeln wurden die Gottheiten Astarte und Tanit verehrt. Wir kennen diese Gottheiten aus der Bibel. Sie gehörten zur phönizischen Religion. Die Phönizier lebten nicht nur neben den Juden (heutigen Libanon) sondern waren zudem ein Seefahrervolk, das sich im gesamten Mittelmeergebiet ausgebreitet hatte. Karthago spielte dabei in der Geschichte der Phönizier (die Römer nannten sie Punier) eine wichtige Rolle.

Unsere Besichtigungstour führte uns entlang der Nord-Süd-Straße bis zum Nordtor. Das Nordtor war eine eindrucksvolle Festungsanlage. Um uns ein räumliches Gefühl der Befestigungsanlage zu geben, führt uns Alberto, unser Guide, durch die Räume bis zu dem Tunnel, der zum Wasserholen führte. Vom Nordtor kehrten wir in die Stadt zurück und liefen auf abenteuerlichen Wegen an der Stadtmauer zurück zum Parkplatz. So bekamen wir ein gutes Feeling von dieser eindrucksvollen Stadt.

Es war Mittag geworden. Nun stand erst einmal eine Stärkung an. Wir fuhren mit dem Bus ans Meer. Direkt am Strand hielten wir unsere Andacht. Dabei flederte uns der Wind ganz schön um die Ohren – ich musste fast schreien, um gehört zu werden. Danach sagte mir einer meiner Kollegen: „Das war wohl die windigste Andacht, die du je gehalten hast.“ Nach dem Mittagessen ging unsere weiter in Richtung Westen.

Trapani war der westlichste Punkt unserer Sizilienreise. An der Küste zwischen Trapani und Marsala breiten sich große Salinenfelder aus. Seit der punischen Zeit wird hier durch Verdunstung Salz gewonnen. Mit den restaurierten Windmühlen sind die Salzfelder eine einzigartige Kulturlandschaft. Nach der Besichtigung der Salinen fuhren wir nach Erice.

Erice ist eine Bergstadt und liegt auf einem 751 m hohen Felsen. Dieser Berg war einst der Sitz eines alten weiblichen Fruchtbarkeits-Kultes, der im Mittelmeerraum sehr verbreitet war. Hier wurde die Muttergottheit Astarte verehrt. Die Griechen nannten diese Göttin Aphrodite und die Römer Venus. 

Zusammen mit unserem Reiseleiter Alberto machten wir einen Stadtrundgang. Uns beeindruckte zunächst der Dom. Nach der Legende wurde hier die erste Kirche im 4. Jahrhundert zur Zeit Konstantins des Großen gebaut. Das heutige Gebäude errichtete König Friedrich II von Aragon im Jahr 1313. Als Baumaterial wurde Reste des Venus-Tempels verwendet. Teile davon sind in Form von Kreuzen, die an der Außenwand eingemauert sind, noch zu sehen. Im Laufe der Jahrhunderte wurde die Kirche mehrmals umgebaut. 1853 brach das Innenschiff ein und wurde im neugotischen Stil wieder aufgebaut. Uns hat diese Kirche sehr gefallen. Auf romantischen Straßen und Gässchen wanderten wir dann bis zum Kastell durch die Stadt. Von hier hat man einen schönen Blick auf die Küste. Zum Parkplatz der Stadt zurückgekehrt besuchten wir – bevor wir die lange Busfahrt bis zu unserem nächsten Hotel antraten, die Cabinetti Pubblici – d.h. die öffentlichen Toiletten. Wir fanden, das ist doch ein klangvoller Name. Auf der Autobahn fuhren wir entlang der Nordküste über Palermo nach Campofelice di Roccella. Hier quartierten wir uns für weitere drei Nächte ein.

Am Dienstag, den 25. März ging es in der Früh nach Palermo. Da in Palermo am Morgen dichter und chaotischer Verkehr herrscht, mussten wir etwas eher aufstehen. Unser erstes Ziel war die Capella Palatina im Normannenpalast. Dies war die Hofkirche von Roger II. und wurde kurz nach dessen Königskrönung 1130 in Auftrag gegeben. Die dreischiffige Säulenbasilika nahm uns sofort gefangen. Dank unserer zeitigen Ankunft hatten wir viel Zeit zur Besichtigung, denn wir waren die einzige Gruppe in der Kapelle – ein seltener Fall. So konnten wir das Bilderprogramm mit Alberto ausgiebig studieren. Die Mosaiken bedecken alle Innenwände. Von der Schöpfungsgeschichte über den Sündenfall geht es weiter zur Noah-Geschichte bis zu neutestamentlichen Themen wie z.B. die Apostelgeschichte. Im Mittelpunkt der Apsis-Kuppel ist Christus, der Weltenherrscher, zu sehen. Auffallend ist, dass die Kreuzigungsszene fehlt. Der leidende Christus spielte in der mittelalterlichen Kunst bis zu Bernhard von Clairvaux eine untergeordnete Rolle. Bis dahin dominierte der Christus der Offenbarung die künstlerischen Darstellungen – mehr als der Christus der Evangelien. Dies kam wohl auch den Normannenkönigen gelegen – sie demonstrierten hier ihre Macht als von Gott gegeben.

Unser Stadtrundgang ging weiter durch die Porta Nuova zur Kathedrale von Palermo. Von außen beeindruckt diese Kirche. Hier hat die Kathedrale den ursprünglichen Charakter des Normannendomes bewahrt. Vom Domplatz aus sieht man die südliche Langseite – es ist die eigentliche Schauseite der Kathedrale. Ihren besonderen Akzent erhält sie durch die gotisch-katalanische Vorhalle. Im Inneren enttäuscht sie jedoch durch ihren kühlen klassizistischen Stil. Einziger Höhepunkt ist hier das Grab Friedrich II.

Unser Stadtrundgang führte uns weiter zur Jesuitenkirche, die mich mit ihrem schwülstigen Barock fast erschlug. Dann kamen wir zum Piazza Bellini, an dem sich drei Kirchen befinden. Uns interessierte Santa Maria dell´Ammiraglio (die Admiralskirche). Von außen sieht diese Kirche durch ihre barocke Fassade nach nichts Besonderem aus. Aber innen beherbergt sie wahre Schätze. Georg von Antiochien, der Großadmiral des Königreichs Siziliens unter Roger II. stiftete diese Kirche 1143. Georg war orthodoxer Christ und lies diese Kirche im byzantinischen Stil als Kreuzkuppelkirche erbauen. Auch hier beeindruckten uns die schönen Goldgrundmosaiken. Es sind die ältesten in Sizilien. Beherrschend ist der Christus Pantokrator in der Mitte der Kuppel mit der griechischen Inschrift: Ich bin das Licht der Welt.

Einen ganz nüchternen und schlichten Eindruck hingegen machten auf uns die nächste Kirche, in der wir verweilten – die Waldenserkirche. Kulturgeschichtlich war es ein Kontrastprogramm – geistlich war es für uns jedoch etwas heimatliches. Maria, die Diakonin erzählte uns etwas über ihre Gemeinde und die Waldenser. 330 Mitglieder zählen zur Gemeinde. Dann durften wir hier unsere Andacht halten. Wir fühlten uns in diesem Gotteshaus wohl.

Es kam uns gerade gelegen, dass es Mittagszeit war, als ein kleines Regengebiet seine Fracht über Palermo ergoss. Uns wurde Zeit zur freien Verfügung gegeben. Jedoch fanden wir uns fast alle in einer Pizzeria wieder. Der Wiedererkennungseffekt war groß.

Ein letzter Höhepunkt dieses Tages war die Kathedrale von Monreale. Monreale – der Berg des Königs – liegt südwestlich von Palermo. Der Dom ist ein Meisterwerk mittelalterlicher Baukunst. Diese Kirche ist eine dreischiffige, kreuzförmige Säulenbasilika mit beträchtlichen Ausmaßen (102 m lang, 40 m breit, 35 m hoch). Überwältigend sind die kostbaren, goldgrundigen Mosaiken. Sie überziehen die gesamten Wänden (600 m2). Künstler aus Konstantinopel zusammen mit einheimischen Künstlern habe sie in der Zeit von 1179 – 1182 geschaffen. Im Mittelschiff sind alttestamentliche Szenen darstellt, die Seitenschiffe zeigen die Wunder Jesu und das Querhaus ist dem Leben Jesu, der Passion und der Auferstehung gewidmet. Der Chor beherrscht die Gestalt des Weltenherrschers. Muster für diese Kirche, so hörten wir von Alberto, war die Capella Palatina. Ebenso faszinierend und beeindruckend war der Kreuzgang. Einst gehörte dieser Kreuzgang zur Benediktinerabtei. Einen so großen Kreuzgang habe ich noch nie gesehen. 228 Säulen sind jeweils im Paar in einem Quadrat von 47x47 m angeordnet. Keine Säule gleich der anderen. Mit ungeheurer Phantasie sind hier die Künstler an das Werk gegangen. Noch einfallsreicher als die Säulen sind die Doppelkapitelle gestaltet. Sie zeigen Pflanzen, Tiere, Menschen, Akrobaten und Bogenschützen, Greife und andere Phantasiewessen sowie biblische Themen. Zusammen mit Alberto ging ich auf die Suche nach einem schönen Kelch für die Abendmahlsfeier am letzten Tag. Wir wurden hier in Monreale fündig. Voller Impressionen und durch den Stadtrundgang etwas pflastermüde kehrten wir am Abend in unser Hotel zurück.

Wieder versprach das Reiseprogramm für Mittwoch, den 26. März viel Schönes und Interessanten. An diesem Tag fuhren wir durch die Madonie. Die Madonie ist  ein Gebirgszug, der parallel zur Nordküste verläuft. Der höchsten Berge sind der Pizzo della Carbonara 1979 m und der Monte San Salvatore (1912 m). Sie liegen zwischen Castelbuono und Polizzi Generosa. Wie fuhren von unserem Hotel aus mit dem Bus über das Dörfchen Lascari in die Berge. Unser erster Halt war in Gratterie. Von hier oben hat man einen schönen Blick auf die Küste. Wir zückten unsere Fotoapparate und hielten das atemberaubende Panorama fest.

Dann ging es weiter zum Wallfahrtsort Gibillmanna. Die Wallfahrtskirche liegt mitten in einem großen Waldgebiet, in dem Buchen, Ulmen, Eschen, Eichen und Kastanien wachsen. Der Überlieferung nach geht die Kirche ursprünglich auf Papst Gregor den Großen zurück, der im 6. Jahrhundert an dieser Stelle ein Benediktinerkloster gründete. Der Papst habe, so erzählte und Alberto, auf Sizilien an verschiedenen Orten auf dem Landbesitz seiner Mutter 6 Klöster gegründet. Gibillmana sei eines davon gewesen. Während der arabischen Vorherrschaft verfiel das Kloster, die Kirche wurde jedoch von Eremiten weiter erhalten. Nach der normannischen Eroberung Siziliens wurde das Kloster wieder aufgebaut. 1535 wurde die Kirche dem Orden der Kapuziner übertragen und neben ihr ein kleines Kloster errichtet. 1619 wurde beschlossen, an Stelle der alten Benediktinerkirche ein neues, größeres Kirchengebäude zu errichten. Diese jetzige Kirche wurde im 17. Jahrhundert eingeweiht. In dieser Kirche hielten wir unsere Andacht. Von hier oben hatten wir einen herrlichen Blick in die Berge und zur Küste. Weiter ging es durch die Madonie bis Castelbuono. Der Ort wurde einst von den Sikulern gegründet. Ab 1316 wurde von Francesco I. Ventimiglia hier ein Kastell erbaut. Es diente als Sitz der Grafen. Der Ort entwickelte sich um das Kastell herum und erhielt seinen heutigen Namen. Am Rand des 9000-Seelen-Ortes stiegen wir aus. Uns überraschte eine Attraktion, die es wohl nur hier gibt - Alberto hatte uns schon vorgewarnt. Die Müllabfuhr erledigen hier Esel. Mit großen Kisten auf beiden Seiten reiten die Müllmänner durch den hanglagigen Ort und tragen den Müll zusammen. Als wir uns mit unseren Fotoapparaten auf sie stürzten, freuten sich die Männer und ließen sich gern ablichten.

Steil bergauf führte uns der Weg in die Stadt, vorbei am Eingang des Kastells ging es wieder bergab bis zum Marktplatz. Auf uns wartete schon eine Verkostung in einer Art Konditorei. Hier wird seit drei Generationen eine weltbekannte Panettone gebacken. Schon der Papa und der Nono (Großvater) der Fratelli (Brüder) Fiasconaro aus Castelbuono waren berühmt für ihre Panettone. Die drei Brüder führen die Tradition mit Originalrezepten und handwerklicher Meisterschaft fort. Panettone wird traditionell aus Weizensauerteig hergestellt. Eine Panettone enthält kandierte Früchte und Rosinen und wird traditionell in speziellen Papiermanschetten gebacken. Ich kannte dieses Gebäck von meinem italienischen Schwiegersohn Eugenio. Jedes Jahr zu Weihnachten kommt bei uns eine Panettone auf den Tisch. Hier in dieser sizilianischen Konditorei probierten wir verschiedene leckere Sachen. Das eigentliche Interesse weckte bei uns eine Zutat all jener Köstlichkeiten – Manna. Der Name Manna wurde dem sizilianischen Produkt deswegen verliehen, weil seine Form und sein Geschmack an die Speise erinnern, die das Volk Israel eines Morgens auf den Sträuchern vorfanden, als sie von Moses durch die Wüste geführt wurden. Die Bibel berichtet, dass diese „Speise von weißer Farbe, die nach Mehl und Honig schmeckte“. Die sizilianische Manna ist ein Harz, das aus einer speziellen Esche gewonnen wird. Sie wurde schon seit der Antike von den großen römischen und griechischen Therapeuten als Heilmittel benutzt. Heute wird die Manna nur noch in Sizilien produziert.

Nach dieser Verkostung wanderten wir hinauf zum Kastell. Das Kastell liegt nördlich der Stadt. Es wurde, seitdem 1316 dessen Bau begann, mehrmals umgestaltet. Im Inneren befinden sich die Kapelle der Heiligen Anna mit Stuckarbeiten aus dem 17. Jahrhundert und ein Museum mit archäologischen Funden. Als Reliquie soll sich hier der Schädel der Anna, der Großmutter Jesu, befinden.

Unser letztes Tagesziel war Cefalu. Salvadore brachte uns mit dem Bus bis zum Parkplatz am Stadtrand. Wir wanderten durch enge Gassen hinauf zum Marktplatz. Bekannt ist dieses malerische Städtchen an der Nordküste durch seinen Normannendom. Nach einem geführten Rundgang durch die Altstadt besichtigten wir den Dom. Er stammt aus der Zeit Roger II. Eigentlich sollte dieser Dom die Begräbnisstätte der normannischen Dynastie werden. Aber soweit ist es nicht gekommen. Beim Tod Roger II. war der Dom noch unvollendet und der König fand sein Grab in Palermo. Erhalten sind im Altarraum die schönen Goldmosaiken. Byzantinische Künstler haben hier gearbeitet. Dominierend ist der segnende Christus als Herrscher der Welt (Pantokrator) in der Halbkuppel der Apsis. Über dem Bogen steht als Inschrift: „Mensch geworden, ich, der Schöpfer des Menschen und Erlöser des von mir geschaffenen Menschen, urteile ich als Fleisch gewordener über das Fleisch und als Gott über die Herzen“. Darunter sieht man Maria mit 4 Erzengeln. Wir rätselten, wer diese 4 Erzengel in der Reihenfolge sind. Durch die Vermittlung unseres Reiseleiters durften wir in den Altarraum und ich zoomte mit meinem Teleobjektiv die Namen über den Engeln heran. Wir stellten fest, dass es Raphael und Michael, Gabriel und Uriel sind. Es war noch etwas Zeit um durch die Stadt zu schlendern oder einen Espresso zu trinken. Am Abend fuhren wir reich gefüllt mit vielen Erlebnissen und Eindrücken in unser Hotel zurück.

Es war Donnerstag, der 27. März. Es hieß von Sizilien Abschied nehmen. Dieser Abschied fiel uns jedoch nicht so schwer, da wir noch einem ganzen Tag der Besichtigung mit vielen schönen Zielen vor uns hatten. Zunächst fuhren wir am Vormittag mit dem Bus nach Catanja. Die Autobahn führte über viele Brücken. Autobahn bau heißt in Sizilien Brücken bauen. Der tonerdige Untergrund verlangt. Man stelle sich in Deutschland einen ähnlichen Autobahnbau vor. Bei uns sind es immer die Brücken, die einen Straßenbau um Jahre verzögern – ich denke nur an die Markersbacher Brücke. Auf dem Weg nach Catanja hielt Alberto mit uns einen kleinen Rückblick. Die gemeinsame Zeit in Sizilien war sehr intensiv. Wenn ich mir vieles nicht aufgeschrieben hätte, könnte ich es jetzt nicht mehr zuordnen. Wir waren Alberto sehr dankbar für sein großes Engagement. Er hat uns viel Zeit gewidmet. In anderen Ländern machen die Guides spätestens um 17.00 Uhr Feierabend. Da lief Alberto erst zu seiner Höchstform auf.  Als wir uns Cantanja näherten, sahen wir den Ätna in Wolken gehüllt. Dankbar dachten wir an den Beginn unserer Rundreise zurück. Damals begrüßte uns der Vulkan mit strahlend blauem Himmel, in die er seine Wolken stieß.

Zunächst spazierten wir in Catanja zum Marktplatz. Catanja ist eine Handels und Industriestadt und Sitz der ältesten Universität in Sizilien. 425 v.Chr, wurde Catanja durch einen Lavastrom des Ätnas verwüstet. 1169 verwüstete ein Erdbeben die Stadt. 15.000 Tote waren zu beklagen. Und so ging das in der Geschichte weiter. Man lebt hier also im wahrsten Sinne des Wortes auf heißem Boden. Und dennoch ist die Catanja eine sehr quirlige Stadt. Häufig wird als Baumaterial das vorhandene Lavagestein verwendet. Das macht die Stadt stellenweise etwas düster. Man nennt sie auch die schwarze Stadt. Aber die Fassaden der Kathedrale und andere Gebäude am Mark sind mit Granit und Marmor gestaltet. Das lässt einen in gewisser Weise eleganten Eindruck entstehen. Auf dem Markt steht ein Elefant aus schwarzer Lava, der einen kleinen ägyptischen Oblisken trägt. Unseren Rundgang durch Catanja begannen wir am Fischmarkt. Das war ein Erlebnis besonderer Art. Hier kann man echt Milieu studieren. Wir liefen durch ein Labyrinth – immer der Fahne unseres Guides folgend. Manchmal geriet sie außer Sichtweise, da sich schöne Fotomotive darboten. Der Fischmarkt ging über in einen Lebensmittelmarkt. Täglich am Vormittag findet dieses Marktreiben statt. Schade, dass wir nicht länger bleiben konnten. Frischer Fisch – das wäre doch eine gute Idee für das Mittagessen. Aber keiner wagte Fisch mit ins Frachtgebäck des Flugzeuges zu nehmen. Dann gingen wir der Via die Crociferi entlang. Hier befindet sich eine Kirche nach der anderen. Schließlich sahen wir den Rest des römischen Amphitheaters aus dem 2.-3. Jahrhundert v.Chr. Mit seinem Fassungsvermögen von 16.000 Zuschauern war es das 4. Größte im Imperium Romanum.

Um die Mittagszeit hatten wir ein Treffen mit der Deutschen Lutherischen Gemeinde vereinbart. Erst sollte dieser Termin nicht zustande kommen, da der Pfarrer unterwegs war. Dann aber waren wir von dem herzlichen Empfang der Gemeinde sehr beeindruckt. COMUNITA´ DELLA CHIESA EVANGELICA LUTERANA IN ITALIA stand am Hauseingang. Durch eine Baustelle gelangten wir in die Räume der Gemeinde. Einige Gemeindemitglieder waren gekommen und begrüßten uns herzlich. Zunächst wurde uns etwas von der Gemeindegründung 1996 und dem Gemeindeleben berichtet, dann erklärte uns Frau Bomke etwas zu ihrer Bilderausstellung und rezitierte dazu ihre Gedichte. Schnell war dann ein Tisch herbeigeholt, auf dem ich meine Abendmahlsgeräte, die ich mit Alberto in Monreale gekauft hatte, platziert. Dazu hatte ich von den Waldensern in Riesi eine Flasche Wein mitgenommen. Wir feierten unseren Abschlussgottesdienst. Danach waren wir zu einem Mittagessen mit der Gemeinde eingeladen. Wir waren gerührt von so viel Herzlichkeit. Viele Gespräche ergaben sich. 

Dann hatten wir noch etwas Freizeit und schlenderten auf der Via Vittorio Emanuele II. (so heißen wohl in Italien alle Hauptstraßen in den Städten) zum Domplatz. Wie genossen noch einmal das südländische Flair, tranken einen Espresso und aßen ein italienisches Eis. Dann hieß es wirklich Abschied nehmen. Alberto und Salvadore brachten uns zum Flughafen. Zunächst war uns etwas bange, da in Deutschland auf den Flughäfen gestreikt wurde. Aber unseren Flug betraf es nicht. Glücklich landeten wir pünktlich um 20.00 Uhr in Berlin Tegel. Unser Transferbus brachte uns wohlbehalten nach Hause zurück.

Es war eine wunderbare, von Gott reich gesegnete Reise. Die Themen unser Andacht waren allesamt überschrieben mit Gott begegnen. Die Konkretisierung der einzelnen Tage setzte diesen Gedanken fort. Gott begegnen - auf dem Berg; - auf dem Fest; - im Haus Gottes; - in der Gemeinde Jesu; - auf der Straße; - am Brunnen und Gott begegnen - in seinem Wort. Wir haben auf vielfältige Weise die Nähe Gottes erlebt. Dafür wollen wir Gott aus ganzem Herzen danken. Danken möchte ich aber auch der Reise Mission Leipzig für die gute Organisation zusammen mit dem sizilianischen Partnerunternehmen, natürlich auch Alberto unserem Guide und Salvadore unserem Busfahrer, dem Busunternehmen Lang und allen Reiseteilnehmern. Wir hatten eine echt schöne Gemeinschaft in diesen Tagen.

In den Erzählungen der Chassidim schreibt Martin Buber eine hübsche kleine Geschichte. „Wo wohnt Gott?“ Mit dieser Frage überraschte der Kosker einige gelehrte Männer, die bei ihm zu Gast waren. Sie lachten über ihn: „Wie redet ihr! Ist doch die Welt seiner Herrlichkeit voll!“

Er aber beantwortete die eigene Frage: „Gott wohnt, wo man ihn einlässt.“

 Friedrich Preißler


Und hier gibt's ganz viele Erinnerungsfotos von dieser Reise

 




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