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Donnerstag, 3. März


An diesem Tag widmeten wir uns ganz der Altstadt. Nicht immer gelingt es bei einem Jerusalembesuch den Tempelplatz zu betreten. Aus Sicherheitsgründen ist es oft nicht möglich, über diesen besonderen Platz zu gehen.[1] Wir hatten an diesem Tag Glück. Anna erzählte uns vor Ort von der Geschichte und der großen Bedeutung dieses Platzes. Einst war der Tempelplatz geistliches Zentrum des Judentums. Hier standen der erste und der zweite Tempel. Bis in byzantinische Zeit hinein blieb das Gelände brach liegen. Erst in der islamischen Periode Jerusalems bekam der Tempelplatz wieder eine religiöse Funktion. Wir gingen an der al-Aqsa-Moschee und dem Felsendom vorbei und verließen am Löwen- oder Stephanustor den Tempelplatz. Im Gelände der St. Anna Kirche hielten wir unsere Andacht. Hier sieht man Ausgrabungen des Teiches von Bethesda und der Fundamente der Kirchen, die darüber gebaut wurden. Nach der Besichtigung der St. Anna Kirche folgten wir der Via Dolorosa mit ihren Stationen und besuchten schließlich die Grabeskirche. Das Gedränge und die konfessionelle Situation in der Grabeskirche ist selbst an normalen Tagen gewöhnungsbedürftig. Wie mag es hier erst an hohen kirchlichen Feiertagen zugehen. Man könnte an dieser Stelle viele biblische Bezüge nennen. Mir fällt jedoch dazu nichts weiter ein als  Lk 23,34 Jesus aber sprach: „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun! Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum.“[2]

Nach der ersten Hälfte dieses Tages war erst einmal eine Stärkung in Form von Falafel (frittierte Bällchen aus pürierten Bohnen oder Kichererbsen, Kräutern und Gewürzen) angesagt. Nach dem Mittagessen setzten wir unsere Erkundungstour fort. Unser Weg führte uns an den Ausgrabungen des ehemaligen Cardos (Hauptstraße in römischer Zeit) vorbei an der Hurva-Synagoge (Jerusalems Hauptsynagoge) zum Berg Zion. Hier besuchten wir die Dormitio-Abtei mit dem  Abendmahlssaal und dem Davidsgrab. Der Ort des Abendmahlsaales  und auch des Pfingstwunders könnte hier in dieser Gegend gelegen haben. Der jetzige Abendmahlssaal  stammt jedoch aus der Kreuzfahrerzeit. Auf jeden Fall ist auch das Davidsgrab nicht historisch. David müsste am Ende seines Lebens so groß wie sein erster Feind gewesen sein. In den Erinnerungen wächst halt manches. Schließlich führte unser Weg hinab ins Kidrontal zum Garten Gethsemane (zum „Schrebergarten der Franziskaner“, wie Anna zu sagen pflegt). Hier besuchten wir zum Schluss dieses Tages die Todesangstbasilika oder die Kirche der Nationen. Auch diese beeindruckende Kirche wurde von dem italienischen Architekten Barluzzi kreiert. Der Innenraum ist, passend zum Thema „Todesangst“, durch die lilafarbenen Fenster sehr düster gehalten. Der Altar steht vor dem Felsen, auf dem Jesus gebetet haben soll und ist mit einem Gitter umgeben, das an die Dornenkrone erinnert. Für uns bekam der Name Todesangst-Basilika eine weitere Bedeutung. Nur in Todesängsten kann man hier über die Straße gehen. Nachdem unser offizielles Programm zu Ende war, konnte jeder auf eigene Faust noch etwas in Jerusalem unternehmen.  Meine Frau und mich zog es mit noch einigen anderen Reiseteilnehmern zum Ben Yehuda Markt. Hier war Milieu-studieren und Einkaufen angesagt. Unser Rucksack füllte sich schnell mit Gewürzen.

 


[1]     Baedecker;  Allianz Reiseführer; Israel Palästina; 12. Auflage 2010 S.282f Am Anfang der Geschichte dieses Platzes steht Abraham. Er lebte mit seiner Sippe in Beersheba, als Gott ihm befahl (1. Mose 22), seinen Sohn Isaak auf dem Berg Morija zu opfern. Dieser Berg ist, wie allgemein angenommen wird, der Platz, auf dem später der Tempel erbaut wurde. Abraham folgte der Weisung, doch das Menschenopfer wurde durch göttliches Eingreifen verhindert, an Isaaks Stelle trat ein Widder. Dieses wohl ins 18. Jh. v. Chr. zu datierende Geschehen heiligte den Felsengipfel zwischen Kidron- und Tyropoion-Tal für alle Zeiten. Um 1000 v. Chr. nahm David die Stadt ein, errichtete auf Morija einen Altar und brachte die Bundeslade mit den Gesetzestafeln hierher (2. Sam 6). Sein Sohn Salomo ließ an dieser Stelle den ersten Tempel bauen (1. Kön 6), der 950 v. Chr. vollendet war. In dem kostbar ausgestatteten Gotteshaus verrichteten die von Salomo eingesetzten Priester Gebet und Opfer. Im Hauptraum stand der Altar, im Allerheiligsten die Bundeslade, bewacht von zwei goldenen Cherubim. Die Wände waren mit Zedernholz getäfelt und vergoldet. Als Brandopferaltar diente die in den Tempel einbezogene Spitze des Felsens Morija. Der salomonische Bau stand fast 400 Jahre bis zur Zerstörung durch den Babylonier Nebukadnezar 587 v. Christus. Nach der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft beseitigte man die Trümmer und errichtete bis ca. 520 v. Chr. den zweiten, wohl bescheideneren Tempel. Der jüdische König Herodes von römischen Gnaden wollte beim Volk als besonders fromm und gesetzestreu gelten und ließ das Heiligtum erneuern. Zunächst erweiterte er die Fläche des Heiligtums auf den heutigen Umfang von rund 300 m x 480 m. Dazu waren Aufschüttungen erforderlich und der Bau von Pfeiler-Substruktionen (die »Ställe Salomos«), da das Gelände nach Süden abfällt. Das so gewonnene Terrain wurde mit mächtigen Quadermauern eingefasst, auf denen Säulenhallen standen. In den Tempelbezirk führten zahlreiche Eingänge: im Osten ein Zugang an Stelle des Goldenen Tores, im Süden die Huldatore unter der königlichen Halle, im Westen — nach ihren Erforschern benannt — das Warren- und das Barclaytor, ferner der Wilsonbogen und der Robinsonbogen. Zum äußeren Vorhof hatte jedermann Zutritt. Der höher gelegene innere Vorhof, den nur Juden betreten durften, war dreigeteilt: in den Hof der Frauen, den Hof der Israeliten (für Männer) und den Hof der Priester. Der eigentliche Tempel, genau beschrieben von Flavius Josephus (Geschichte des Jüdischen Krieges V, I —6), hatte eine 50 m hohe und ebenso breite Fassade aus weißem Marmor. Im ersten Raum standen der siebenarmige Leuchter und das Rauchfass. Ein Vorhang trennte das leere Allerheiligste ab — die Bundeslade war vermutlich bei der Zerstörung des ersten Tempels 587 v. Chr. verbrannt. Der herodianische Tempel wurde 70 n. Chr. durch die Römer zerstört. Seitdem hat es nie mehr einen jüdischen Tempel gegeben. Der Opferkult wurde eingestellt, an die Stelle des Priesters trat der Rabbiner, als Gebetsraum verblieb die Synagoge. Justinian ließ auf dem Tempelplatz eine Marienkirche bauen. In der Zeit der Omaijadenkalifen erhielt der Tempelplatz die beiden Bauten, die seitdem Wahrzeichen der Stadt sind: Über dem Felsen Morija baute 687 bis 691 Abd el-Malik den Felsendom und sein Sohn Al-Walid I. machte Justinians Kirche zur Aqsa-Moschee.

 

[2]     Ulrich W. Sahm; Alltag im Gelobten Land; Vandenhoeck & Ruprecht; Göttingen 2010 S.126f Vor einigen Jahren prüften nun Beamte des israelischen Gesundheitsministeriums die hygienischen Verhältnisse in dem äthiopischen Kloster auf dem Dach der Grabeskirche. Sie entdeckten, dass es dort nicht einmal ein Klo gab, was natürlich den israelischen Vorschriften zu hygienischen Verhältnissen an einem öffentlichen Ort, der auch von Touristen frequentiert wird, widersprach. Ohne »stilles Örtchen« dürfe das Kloster nicht weiter betrieben werden, hieß es in einem offiziellen Brief des Gesundheitsministeriums an den verantwortlichen äthiopischen Bischof. Das Kloster werde gesperrt, solange die hygienischen Auflagen nicht erfüllt seien.

      Begeistert bestellte der äthiopische Patriarch mit Schaufel und Spitzhacke bewaffnete Arbeiter. Kaum hatten sie im Schatten von Gewölben aus dem dritten Jahrhundert den Boden aufgeschlagen, sprach der koptische Patriarch beim israelischen Religionsministerium vor. »Die Äthiopier verletzen den Status quo«, schimpfte er.

      Der zuständige Beamte verstand sofort, dass sich hier ein diplomatischer Konflikt mit internationaler Dimension zusammenbraute. Als neutrale Staatsmacht bestellte er deshalb auf Kosten der israelischen Steuerzahler muslimische Arbeiter. Allein die neutrale Staatsmacht, einst die christlichen Briten, dann die muslimischen Jordanier und derzeit die jüdischen Israelis, kann bauliche Veränderungen vornehmen, ohne die im Status quo verankerten Rechte der jeweiligen Kirchen zu stören.

      Die Arbeiter entdeckten ein dickes altes Tonrohr nahe den noch erhaltenen Aufbauten der von Kaiser Konstantin im dritten Jahrhundert errichteten Basilika. Hineingeschüttetes Wasser floss ab in den unbekannten historischen Untergrund Jerusalems. An dieses Rohr wurden nun vier Wasserklosetts angeschlossen. Alle waren glücklich: das Gesundheitsministerium, die äthiopischen Mönche, der koptische Aufpassmönch und natürlich die Christenabteilung des israelischen Religionsministeriums.

      Nach einem Monat flatterte dem äthiopischen Patriarchen die Wasserrechnung auf den Schreibtisch. Er bezahlte sie prompt unter dem Aspekt: »Wenn die äthiopische Kirche das Wasser für das Wasserklosett bezahlt, dann hat sie auch Rechte an dem Klo.«

      Die Äthiopier befestigten also im Namen dieser Rechte Vorhängeschlösser an den Holztüren des Wasserklosetts. Nachts um zwei hinderte dieses Schloss prompt den koptischen Mönch ein menschliches Bedürfnis zu befriedigen. Am nächsten Tag meldete sich folglich protestierend der koptische Patriarch im Religionsministerium. Um einen internationalen Skandal zu vermeiden, zahlt seither der israelische Steuerzahler die Wasserrechnung für das Klo, um des Friedens willen.

 




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