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Im Blickkontakt zum Ararat


Werden wir den heiligen Berg der Armenier, auf dem die Arche Noahs gelandet sein soll, sehen? So fragten wir uns, als wir am 20. Juni 2007  in Prag  ins Flugzeug nach Jerewan stiegen. Nicht einmal 40 Tage sei der Ararat im Jahr zu sehen, behauptete jemand aus unserer Reisegruppe. Diese Mutmaßung erhöhte natürlich die Spannung unter den Reiseteilnehmern nur noch.

Seit zwei Jahren bereitete ich mit Superintendent Stabe diese Gemeindereise nach Armenien vor. Ich hatte schon soviel über das Land und die armenische Geschichte gelesen. Meine Erwartungen und meine Motivation waren riesengroß. 35 Personen aus der näheren Umgebung  von Annaberg ließen sich davon überzeugen, dass Armenien ein sehr lohnendes Reiseziel ist. Keiner, der sich auf das Abenteuer „Armenien“ einließ,  wurde enttäuscht.

Schon am ersten Tag spürten wir, dass wir mit Naira eine sehr sachkundige und kompetente Reiseleiterin bekommen haben. Außerdem spricht Naira ein hervorragendes Deutsch. Einem Liebhaber der deutschen Sprache ist es ein Genuss ihr zuzuhören. Geduldig ertrug sie unsere vielen Fragen. Aus ihren tiefgründigen und weit ausholenden Antworten sprach eine große Liebe zu ihrem Land und Volk. 

 


Kurz sei den Reiseteilnehmern unser Erleben in Erinnerung gerufen. Nach einer Orientierungsfahrt in der Millionenstadt Jerewan besuchten wir am ersten Tag die Ausgrabungen der urartäischen Festung Erebuni  und das Historische Museum. Am zweiten Tag führte unser Weg  an den Sevan-See. Zunächst besuchten wir die Kirchen der Halbinsel am Sevan-See, genossen das Wetter und die Landschaft während einer Bootsfahrt auf dem See und steuerten im Anschluss die Klöster Goshavank und Haghartsin an. Der Friedhof in Noradus, die Karawanserei am Selimpass, das Kloster Noravank und die Klosteranlage in Chor Virap waren die markantesten Sehenswürdigkeiten des dritten Tages. Nachdem wir am Sonntag im Höhlenkloster Geghard einen kleinen Einblick in das geistliche Leben der armenisch-apostolischen Kirche genommen hatten, besichtigten wir den ionischen Tempel in Garni und waren dann bei einem Bauern in Garni zu einem Festessen eingeladen. Die anschließende Wanderung in die Garni-Schlucht war weniger ein Verdauungsspaziergang, als vielmehr eine atemberaubende Wanderung in die geologische Vergangenheit unserer Erde. Basaltsäulen kennen wir Erzgebirger vom Scheibenberg. Aber was sich hier vor unseren Augen auftat, lässt sich nicht vergleichen. Unser fünfter Tag in Armenien führt uns in das Aragaz-Gebirge. Die musikalische Darbietung geistlicher und folkloristischer Gesänge in der Kirche von Sagmosavank hat uns sehr berührt. Auch das Kloster in Ohanavank am Rande der Kassakh-Schlucht und die Festung  Ambert an der Seidenstraße ließen uns in die Geschichte Armenien eintauchen. Am Dienstag führte unser Weg nach Etschmiadsin, dem Zentrum der armenisch-apostolischen Kirche. Dem Besuch der Kirchen der Hl. Hripsime und der Hl. Gajane folgte der Aufenthalt in der Etschmiadsiner Kathedrale. Ein besonderes Erlebnis war für uns, dass wir nach dem Mittagsgebet den Katholikos sehen und mit dem Bischof der armenischen Kirche in den Vereinigten Staaten kurz sprechen konnten. Nach so vielen Eindrücken war dann der Besuch des Ethnographischen Museums und die Ruinen der Rund-Kirche von Swartnoz eine Hängepartie. Unser letzter Tag in Jerewan sah nochmals ein volles Programm vor: Besichtigung der neuen Kathedrale, Besuch der Genozid Gedenkstätte, Halt an der Cascade, Führung in der Bibliothek Matenadaran, Führung im Museum für Kinderkunst, Einkauf in der Markhalle und Abschiedsessen im Cafe Central. Nach diesem armenischen Intensivkurs kehrten wir voll gepackt mit Eindrücken  am Donnerstag, den 28. Juni zurück ins Erzgebirge.


Nachdem ich zwei Tage nicht richtig in der Lage war, über die vielen schönen und eindrücklichen Erlebnisse etwas Angemessenes zu erzählen, will ich einige Dinge benennen, die mir in den Sinn gekommen sind.

1. Armenien ist ein unbekanntes, verkanntes Land, das uns doch aus unterschiedlichen Gründen sehr nahe steht. Als wir für die Reise Werbung machten, sagten uns einige: „Ich habe keine Lust, zu den Russen zu fahren.“ Wohl war Armenien seit 1920 von der Sowjetunion annektiert. Aber Armenien  hat eine eigenständige Geschichte, die sich bis an die Anfänge der Menschheit zurückverfolgen lässt. „Somit ist das armenische Volk eines der ältesten Völker der Welt“ würde Naira sagen.

2. Armenien ist ein mehrfach stigmatisiertes Land. Dabei denke ich nicht nur an den Völkermord von 1915. Heute fallen einem zuerst die russischen Stigmata in Form des überwiegend sowjetischen Autoparkes, der Hochhäuser und des Atomkraftwerkes (im Erdbebengebiet) aus den Zeiten des Sozialismus ins Auge. Wir hörten aber auch von der schwierigen Lage des Landes durch die Blockadepolitik der Nachbarstaaten. Ein wenig konnten wir dennoch verstehen, denn wir haben 40 Jahre Bruderpolitik hinter uns – die Armenier 70 Jahre.

3. Armenien hat, seitdem es als Volk den christlichen Glauben annahm, viel dafür gelitten und dennoch bis heute den Glauben bewahrt. Die Wurzel und die prägende Kraft des christlichen Glaubens sind bis heute unverkennbar. Nach einer Entscheidungsschlacht ließen die Armenier dem Perserkönig Yazdgird II. im Jahre 451 wissen: „Wir haben das Christentum nicht als Kleid angenommen, das man immer wieder wechseln könnte, sondern wie eine Hautfarbe, die man nicht entfernen kann“. Diese Glaubenstreue kann man heute noch an diesem Volk beobachten. Armenien ist das älteste christliche Volk der Welt. In manchen Punkten habe ich nicht schlecht gestaunt, dass viele evangelische Glaubenserkenntnisse denen der armenischen Christen sehr nahe stehen – oft näher als zu orthodoxen und römisch-katholischen Traditionen (z.B. die Stellung der Schrift gegenüber dem Bild, die Stellung des Geistlichen im Gottesdienst zwischen Gott und Gemeinde, die hohe theologische Bedeutung des Kreuzes, das Abendmahl in beiderlei Gestalt …).   


4. Armenien ist ein Land, das sich für europäische Augen nicht gleich auf den ersten Blick durchschauen lässt und logisch erscheint. Aber je länger man hinschaut, um so mehr entdeckt man wichtige Zusammenhänge. Ich habe mir es am Straßenverkehr klar gemacht. Naira sagte am ersten Tag: „Seien sie an den grünen Ampeln vorsichtig.“  Und tatsächlich – die Leute gingen bei Rot über die Straße und bei Grün bedrohten die Autos die Passanten an den Fußgängerübergängen. Der Verkehr bot uns teilweise ein chaotisches Bild. Und dennoch funktionierte alles reibungslos.  So ist es mit vielen anderen Dingen im Land am Südkaukasus auch. Hier in Vorderasien läuft manches anders, als wie wir es nach „deutscher Ordnung und Gründlichkeit“ gewohnt sind. Aber es läuft eben hier auch so gut.   

5. Armenien ist ein Land mit Lebenswillen, Intelligenz und Hoffnungskraft. Seit jeher sind die Menschen des armenischen Hochlandes fleißig, geschickt und klug. Das ethnographische Museum in Sardarapat legt darüber ein eindrucksvolles Zeugnis ab. Der starke Wille zum Leben und die übermenschliche Hoffnung, die in diesem Volk lebt, stehen m.E. in einem engen Verhältnis zum Glauben. Mir ist dieser Gedanke beim Studium der Kreuzsteine gekommen. Das armenische Kreuz ist weitestgehend das Auferstehungskreuz. Es gibt im ganzen Land nur drei Kreuzesdarstellungen mit dem leidenden Christus. Fast durchweg ist das Kreuz als blühendes Kreuz dargstellt. Das Kreuz zwischen Himmel und Erde schafft neues und ewiges Leben. Vielleicht ist diesem Volk, das in seiner Geschichte so viele Tode erlebt hat, diese Hoffnung, die aus dem Kreuz und der Auferstehung Jesu erwächst, ein besonderer Halt.

6. Armenien ist ein Land mit einem großen Spannungspotential. Groß sind die Unterschiede zwischen Stadt und Land. Ein Drittel der 3 Millionen Armenier leben in Jerewan. Das übrige Land ist dünn besiedelt. Gravierend sind die Unterschiede zwischen Arm und Reich. In den Dörfern heizt man mit Kuhfladen und überall in den Städten sieht man junge Leute mit den modernsten Handys telefonieren. Unbegreifbar sind für uns die Unterschiede zwischen Tradition und Moderne. In Geghard-Kloster erlebten wir Tieropfer mit und sahen uns in alttestamentliche Zeiten versetzt. Und in Jerewan kaufte ich in einem hochmodernen Computerladen ein. Bei der Einreise mussten wir auf dem Flughafen über zwei Stunden für ein Visum anstehen, für das gestempelt und geklebt wurde. Und bei der Ausreise erlebten wir einen der modernsten Flughäfen, der mit Hightech einen hohen Sicherheitsstandart bot. Viele andere Polaritäten mögen noch hinzukommen. Wir hatten aber nicht den Eindruck, dass diese großen Unterschiede für das Volk eine Zerreißprobe darstellen. Sicher kann man in so kurzer Zeit von außen betrachtet kein Urteil abgeben. Aber wir hatten den Eindruck, dass die armenischen Menschen nach vorn blicken und versuchen, aus dem Spannungspotential  das Leben ihres Volkes zu formen.

Wenn wir auch nicht alles Bedeutsame aus der Geschichte dieses Volkes und die Naturwunder dieses Landes gesehen haben, vieles haben wir doch entdecken dürfen. Und es hat uns neugierig gemacht. Und außerdem haben sich unsere Augen oft am Berg Ararat satt sehen dürfen. Dafür und für vieles mehr bin ich Gott unendlich dankbar.


Friedrich Preißler

 

 

viele andere Bilder sind in der Gallerie zu sehen...






 




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